Drive

Veröffentlichung  29. Juni 2012    Regie  Nicolas Winding Refn    Darsteller  Ryan Gosling  Carey Mulligan  Albert Brooks  Bryan Cranston
Foto: Universum Film GmbH
 IMDb-Wertung
Foto: Universum Film GmbH

Der stille Held findet zu sich

Drive ist mehr als der Titel vermuten lässt. Titelbedingte Ähnlichkeiten zu früheren Machwerken wie der Transporter-Reihe, den Fast & Furious-Rennfilmen oder den letztjährigen Kassenkrepierern Drive Angry und Faster sind nicht vorhanden, auch wenn es einige imposante Verfolgungsjagten zu bewundern gibt. Bedrohliche Gangster, gehörig Adrenalin, eine Menge Blut, Geld und die eine oder andere Sünde spielen auch eine Rolle. Aber vor allen Dingen ist Drive eine bildgewaltige Liebesgeschichte, die unter die Haut geht. Das aufwühlende wie auch atmosphärische Drama ist die erstklassige Charakterstudie eines kühlen, passiven Helden inmitten von Los Angeles.

Zu den hypnotisierenden Klängen von 80er Musikperlen, taucht man ein ins neongrelle Universum des namenlosen Fahrers (Ryan Gosling, Lars und die Frauen). Tagsüber arbeitet der Mann ohne scheinbare Vergangenheit als Mechaniker und zeitweise auch als routinierter Stuntman für große Filmproduktionen. Abends steuert er dagegen den Fluchtwagen für Verbrecher jeglicher Fasson.

If I drive for you, you get your money. That’s a guarantee. Tell me where we start, where we’re going and where we’re going afterwards, I give you five minutes when you get there. Anything happens in that five minutes and I’m yours, no matter what. Anything a minute either side of that and you’re on your own. I don’t sit in while you’re running it down. I don’t carry a gun. I drive. (Driver)

Keine Fragen, keine Ausnahmen. Er ist niemand, der viele Worte verliert. Als er jedoch seine Nachbarin Irene (Carey Mulligan, An Education) kennenlernt, ist es um ihn geschehen. Man merkt seiner stillen Zurückhaltung sichtlich an, dass er dabei ist das erste Mal für sie große Gefühle zu entwickeln. Die junge Mutter ist als verheiratete Frau jedoch nicht ungebunden, doch verweilt ihr Mann (Oscar Isaac) derzeit im Gefängnis. Als ihre Beziehung langsam anfängt zu reifen, wird Irenes Mann freigelassen. Er trägt allerdings immernoch Altlasten aus dem Knast mit sich, die er durch erneute Streifzüge und Rückzahlungen versucht los zu werden. Der Fahrer bietet seine Hilfe an, um Irene und ihren Sohn vor weiteren Schäden zu bewahren. Doch die Dinge laufen anders als geplant und die Schulden bei den ortsansässigen Gangstern Bernie (Albert Brooks) und Nino (Ron Perlman) häufen sich. Der Weg in die Freiheit wird zwangsläufig über Leichen führen. Wegen seiner betrügerischen Bekanntschaften, einem letzten Gefallen und dem Widerspruch gegen seine eigenen Regeln, landet der Driver selbst auf der Abschussliste der Bosse. Wird es ihm gelingen wieder auf die rechte Spur zurück zu kehren und dem unlauteren Treiben entgültig ein Ende zu setzen?

Dramatischer Spannungsaufbau bis zum bitteren Ende – Kunstvoll gestaltet und gut strukturiert

Hauptdarsteller Ryan Gosling überzeugt gewohnt auf ganzer Linie und liefert in der komplexen Rolle des namenlosen Fahrers eine stille aber tiefgründige Glanzleistung ab. Durch kleine Details wie seine Skorpion-Jacke und dem regelmäßigen Anspannen seiner Fäuste, fügt er sich zurückhaltend in die Rolle. Seine beispiellose Karriere (Rollenwahl, Filmvarianz) wird durch diesen Zahnstocher-kauenden Charakter ein weiteres Mal beflügelt. Genauso wie Nebendarsteller Albert Brooks durfte er sich berechtigte Hoffnungen auf die ganz großen Filmpreise machen – leider vergebens. Ebenso sucht die eindringliche Atmosphäre des Films ihresgleichen. Da die für den Film so wichtigen Gewaltszenen ein ums andere Mal in einem maßlosen Blutrausch enden, kostet der dänische Regisseur Nicolas Winding Refn (Bronson) vor allem die ruhigen Augenblicke voll aus. So erschafft er eine zarte Liebe, die ganz ohne Klischees auskommt und dadurch in keinster Weise überzogen wirkt. Mit dem einzigartigen Szenenbild behält Winding Refn in jedem Moment die Kontrolle über Moral- und Wertvorstellungen. Gosling äußert sich über seine Intention als Fahrer:

When I read this script and I was looking at this character’s behavior – he was going around acting like a maniac – I thought this is somebody who has seen too many movies. And because he was a stuntman, he had basically become the hero of the movie of his life. I wanted this movie to be something that had personality, an identity, and also that you wanted to be in the movie theater to see it. Whether you liked it or not, I know that you were happy to see it in the theater.

Mit der Driver betitelten Romanvorlage lieferte Autor James Sallis 2007 auf nur 160 Seiten die genauso einsilbige wie stilsichere Vorlage zu dem Ausnahmefilm. Aufgrund der bislang positiven Resonanz macht er sich alsbald daran eine Fortsetzung mit dem Titel “Driven” nachzulegen.