Die Sterne

Album  Flucht in die Flucht    Veröffentlichung  29. August 2014
Foto: Hella Wittenberg Foto: Hella Wittenberg

20 Jahre und zehn Alben gibt es Die Sterne bereits. Aber wer zählt schon? Für Sittsamkeit und Stagnation haben die Hamburger jedenfalls nicht viel übrig. Mit Flucht in die Flucht probieren sie aktuell mal den Rückwärtsgang aus. Doch vor einem morgendlichen Gespräch im Prenzlauer Berg rund um die vielen Fragezeichen sowie dem konkreten Unkonkreten in ihrer Musik gab es kein Entkommen. Mithilfe von Kaffee und Obst konnten Frank Spilker und Christoph Leich schließlich zum kurzzeitigen Innehalten überredet werden.

Zwischen Realität und Fiktion – wo befinden sich Die Sterne im Augenblick?

Frank Spilker: Grundsätzlich sage ich, dass alles Fiktion ist. Aber wir changieren mit diesem Album dazwischen. Auch wenn wir nicht schreiben, um zu dokumentieren. Wenn man sich auf innere Zustände bezieht, kann sowieso keine Rede von Dokumentation mehr sein. Gewissermaßen geht es immer darum etwas mit künstlerischen Mitteln zu formulieren. Anders sollte es gar nicht funktionieren. Und das Album hat sich mit der Produktion und dem Titel vorgenommen ein bisschen far out zu sein. Wir wollten den Weg in Richtung Krautrock weitergehen. Den Weg, bei dem man den Bezug zu konkreten Aussagen verliert. Das schönste Beispiel dafür ist „Innenstadt Illusionen“, weil es dort nicht nur textlich, sondern auch grammatikalisch abbricht.

Distanziert ihr euch damit nicht vom eigenen Schaffen?

Frank Spilker: Man braucht Abstand zu dem, was man schreibt, damit es erlebbar wird und man weiterhin optimieren kann. Doch am Ende des Tages will man mit einem Song auch ein Gefühl oder einen Gedanken auf den Punkt bringen und dabei authentisch sein. Das beißt sich ein bisschen in den Schwanz… Realität wird jedoch in der Musik reduziert. Ich versuche aber immer den Zeigefinger darüber zu vermeiden. Dafür haben wir auf unseren Alben Techniken, wie Perspektiv- oder Erzählerwechsel, um auf diese Weise Brüche zu schaffen.

Auf welche Kniffe konntet ihr bei diesem Album zurückgreifen?

Frank Spilker: Erfahrung! Wir haben sehr eingeschliffene Materialien, die wir nutzen. Mit dem Album wählten wir recht klassische Sterne-Mittel und keine für unsere Fans so anstrengende Form, wie zum Beispiel bei der Discoplatte.

Also wolltet ihr eure Fans mit dem letzten Album fordern und jetzt gibt es wieder Gewohntes – ganz im Sinne von Zuckerbrot und Peitsche?

Christoph Leich: (lacht) Ich finde das Disco-Album gar nicht so anstrengend. Für mich haben beide Platten dieselbe, zusammensetzende Art. Beide Sie sind Konstruktionen. Wir wollen nicht vor den Kopf stoßen, sondern fragen uns eher worauf wir als nächstes Lust haben. Die Mittel bleiben dabei jedoch die gleichen.

Frank Spilker: Ich würde es als Erfolg bezeichnen, dass die letzte Sterne-Platte nicht so klingt wie die neue. Denn wir wollen natürlich überraschen. Aber als fordernd empfinde ich unser letztes Album nicht. Es war doch sehr eingängig… Vielleicht fühlt sie sich für jemanden fordernd an, der nicht das bekommt, was er erwartet.

Erst kürzlich konntet ihr euer 20-jähriges Bestehen feiern. Da kann man schon mal einen musikalischen Richtungswechsel einschlagen.

Frank Spilker: Zumindest wird es mit der Zeit leichter konzeptionell ans Werk zu gehen und sich individuell zu verwirklichen. Alle sind jetzt kompromissbereiter als vor zehn Jahren. Strenge Konzepttreue ist doch bei einer jugendlichen Band nur durch Autorität zu erreichen. Da gibt es dann einen Obermotz und nach zwei Alben löst sich solch eine Band meist auf. Bei uns gab es niemanden, der den Ton angab. Wir waren schon immer Teamplayer. Und mit der Zeit hat jeder seinen Platz gefunden.

Auf Flucht in die Flucht gibt es, wie auch sonst auf euren Alben, viele Fragezeichen zu entdecken. Findet ihr über die Jahre auch Antworten dazu?

Christoph Leich: Die gibt Frank ja nie! (lacht)

Frank Spilker: Das ist natürlich ein rhetorischer Trick. Wenn eine Antwort gefragt wäre, könnte man diese auch geben. Aber wenn man fragt „Wo soll ich hin gehen?“ drückt das Orientierungslosigkeit aus und das Fragezeichen ist Mittel zum Zweck. Wenn ich frage, kann ich andere Menschen und ihr Denken mit einbeziehen. Eine Frage ist eine direkte Aufforderung zur Kommunikation. Wohingegen ein Ausrufezeichen der Zeigefinger ist. In „Wo soll ich hin gehen“ geht es ja um Geduld, um das Vertröstet werden, auf einen späteren Zeitpunkt warten. Aber erst einmal Unterordnung fordern. Das ist für mich auch der Startpunkt für Flucht in die Flucht, für eine Art Rebellion. Es gibt verschiedene Arten sich dem zu entziehen.

Geht ihr ins Studio wie andere ins Büro?

Frank Spilker: Ja, es gibt den klassischen Acht-Stunden-Tag-Rhythmus. Wir hatten einen genauen Plan fürs Studio und so war kein Rumhängen möglich. Das klingt alt, oder? (lacht) Es ist halt das zehnte Album. Wir müssen uns schon sehr viel Mühe geben, um etwas umzuschmeißen und so Neues entstehen zu lassen.

Christoph Leich: Aber trotzdem gab es doch viele Überraschungen beim Zusammensetzen der Songs.

Frank Spilker: Na klar, die Demo-Versionen unterscheiden sich schon sehr von den Stücken, die es auf das Album geschafft haben. Bei „Wo soll ich hingehen?“ bastelten wir zum Beispiel noch ein zweites Stück hinten dran. „Ich will mich töten“ haben wir bestimmt auch drei Mal umgeändert. Es ist schwer einen klassischen, countryesken Song so hinzukriegen, dass er nicht total abgegriffen klingt. Da mussten wir ganz schön ackern.

Könnt ihr euch denn noch genauso gut aufregen wie früher?

Christoph Leich: Ich rege mich sehr viel weniger als früher auf. Aber ich kann es noch.

Frank Spilker: Ärger ist immer noch ein guter Startpunkt für eine kreative Arbeit. Liebe, Hass, Eifersucht: alles was stark ist, stellt auch einen starken Antrieb dar. Wenn man das mit einem originellen Gedanken verbindet, dann hat man die Mischung aus innerem Antrieb und eigener Formsprache. Das kann sehr explosiv sein und das ist doch großartig.

 

 

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Rubrik  Interview    Autor      Datum  31. August 2014    Worte  900
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