Der Himmel wird warten

Veröffentlichung  23. März 2017    Regie  Marie-Castille Mention-Schaar    Darsteller  Noémie Merlant  Naomi Amarger  Sandrine Bonnaire
Foto: Neue Visionen Filmverleih
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Foto: Neue Visionen Filmverleih

Zwischen Macht und kompletter Machtlosigkeit

Der Eltern-Horror pur: Immer wieder kann man in Tageszeitungen von jungen Menschen lesen, die vom IS rekrutiert und radikalisiert werden. Aber was muss man tun, wenn es das eigene Kind betrifft?

Eigentlich versteht sich Sylvie (Clotilde Courau) ziemlich gut mit ihrer Tochter Mélanie (Naomi Amarger). Doch obwohl sie sonst über Jungs und Liebe sprechen, zieht sich Mélanie mit einem Mal zurück, nachdem sie sich in einem Muslim verliebt hat. Mit dem schreibt sie nun ständig online, wobei er sie immer mehr manipuliert und ihr seine Weltanschauungen aufdrückt. Sylvie weiß überhaupt nicht mehr, was sie machen soll, als Mélanie vor hat nach Syrien zu reisen und Terroristin zu werden. Wie soll sie es ihrem Kind ausreden? Auch Mutter Catherine (Zinedine Soualem) hat damit zu kämpfen, dass ihre Tochter Sonia (Noémie Merlant) radikalisiert wurde und bereits genauestens einen Anschlag geplant hat. Was kann sie jetzt noch tun? Wir sehen zwei verzweifelte Frauen, die alles dafür tun würden, um ihren Nachwuchs von dem abzubringen, was sie glauben, das ihre Bestimmung sei.

Indoktrinierte Ideale

Das Drama Der Himmel wird warten könnte relevanter kaum sein. Drehstart war kurz nach dem 13. November 2015 – also dem Zeitpunkt, an dem in Paris die Terroranschläge waren. Regisseurin Marie-Castille Mention-Schaar nimmt das Thema der Manipulation und Entradikalisierung entsprechend ernst. Die gesamte Geschichte ist zwar fiktiv, aber Input dafür konnte sie aus den Nachrichten und Radikalisierungsbiografien herausziehen. Für ihre Recherche dienten auch Eltern als Ausgangslage, welche die Medien nutzen, um nach ihren verschwundenen, radikalisierten Kindern zu suchen. Mention-Schaar will vermitteln, wie schmerzhaft es für Eltern ist, die Kontrolle über das Kind auf diese Art und Weise zu verlieren. Sie zeigt auch sehr einfühlsam, wie die Töchter selbst glauben, genau auf dem richtigen Weg zu sein, Liebe gefunden und endlich auch ihr Ziel im Leben entdeckt zu haben.

Social-Media-Tücken

Wie können selbst immer mehr Teenagerinnen auf die Propaganda der IS-Terroristen hereinfallen? Der knapp 105-minütge Film macht auf sehr dokumentarische Weise deutlich, wie einfach es ist. Denn so gut wie jeder Jugendliche ist in den sozialen Netzwerken aktiv. Die selbst angelegten Profile verraten eine Menge über die Hobbies und Wünsche, so dass für die IS-Rekrutierung ganz individuell auf die Bedürfnisse eines jeden eingegangen werden kann. Der Himmel wird warten ist somit eine Mischung aus Horror, Erfahrungsbericht und Anleitung, was zu tun ist, wenn das eigene Kind entradikalisiert werden muss. Nicht immer geht dieser Mix auf. Manchmal wirkt das Verweben verschiedener Zeit- und Erzählebenen auch einfach nur verwirrend. Oder die Dramatik etwas zu dick aufgetragen. Doch sieht man über diese erzählerischen Schwächen weg, ist der Film ein wirklich wichtiger Beitrag für unsere heutige Zeit.

Der Himmel wird warten befasst sich mit dem Phänomen, dass auch immer mehr junge Frauen vom IS angeworben werden. Das Drama bemüht sich darum, verschiedene Perspektiven zu zeigen, genauso wie um einen empathischen Ton. Dieser Film ist ein ernstzunehmender Beitrag zum Thema Radikalisierung, da er auch mit Vorurteilen zur stereotypen Rekrutierung aufzuräumen weiß.

 

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Rubrik  Kino    Autor      Datum  23. März 2017    Worte  485
Permalink  http://www.farbensportlich.de/der-himmel-wird-warten/    Farbe  #3b313d
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