Der Gott des Gemetzels

Veröffentlichung  10. Mai 2012    Regie  Roman Polanski    Darsteller  Jodie Foster  John C. Reilly  Kate Winslet  Christoph Waltz
Foto: Wild Bunch Distribution
 IMDb-Wertung
Foto: Wild Bunch Distribution

Der Gott des Gemetzels ist die Art Film geworden, der einen daran erinnert warum man Filme mögen sollte. Dabei braucht er wenig und erreicht doch so viel.

Die französische Schriftstellerin Yasmina Reza dürfte den wenigsten bekannt sein, obwohl sie doch die weltweit meistgespielte zeitgenössische Dramatikerin ist. Als bei einer Aufführung ihres Theaterstücks Der Gott des Gemetzels, das 2006 Premiere feierte und seitdem überall auf der Welt gespielt wurde, Regie-Ikone Roman Polanski (Der Ghostwriter, Der Pianist, Die neun Pforten) im Publikum sitzt, beginnt die Idee einer Filmversion zu reifen. Polanski war klar, dass Der Gott des Gemetzels einen grandiosen Stoff für eine Kinoadaption bietet und bat die Autorin mit ihm das Stück für die Leinwand aufzubereiten. Es gelang ihnen schließlich eine Reihe namhafter Darsteller für das Projekt zu begeistern.

Zwei Elfjährige prügeln sich auf einem Spielplatz, einem der beiden Jungen werden dabei Zähne ausgeschlagen. Nach diesem Vorfall kommt es zur Aussprache zwischen den Elternpaaren: die Eltern des Opfers, Penelope und Michael (Jodie Foster und John C. Reilly), haben die Eltern des Übeltäters, Nancy und Alan (Kate Winslet und Christoph Waltz), zum klärenden Gespräch eingeladen. Vernünftig und zivilisiert versuchen sie zunächst die Situation zu rekapitulieren, um die Konsequenzen aus dem Vorfall abzustimmen. Dass das, bei aller Freundlichkeit, nicht gut gehen kann, ist abzusehen. Denn schließlich trug der Sohn von Penelope und Michael schwere Verletzungen davon. Da die Einsicht auf beiden Seiten auf sich warten lässt, entwickelt sich schon bald ein gefährlicher Tanz um’s Feuer. Das Gespräch über die Grenzen von Verantwortlichkeit entwickelt sich zu einem Streit voller wirrer Widersinnigkeiten und grotesker Vorurteile. Schließlich legt man die bürgerliche Kultiviertheit wie einen schweren Mantel ab und gibt sich völlig der Provokation hin. Die Vier überschreiten Grenzen, verzetteln sich in Widersprüchen und am Ende ist es wenig verwunderlich, dass jeder jeden hasst. Denn verborgen schlummert in jedem von ihnen der Gott des Gemetzels, der rausgelassen werden will.

Eine Beziehung beruht auf harter Arbeit, die aber nur selten nach außen hin gezeigt wird. Ab und zu schimmert das echte Leben jedoch auch nach außen hin durch die Fassade des Gutbürgertums durch. Wenn das nun gegenüber Wildfremden passiert, die überhaupt keinen Anteil am eigenen Schicksal nehmen, kommt es schon einmal vor, dass man sich, seine Grundprinzipien, die des Anderen und die ganze Welt in Frage stellt. Und doch ist man gefangen im selben Zimmer, in der selben absurden Situation. Der Film zeigt dieses Schlachtfeld absolut skrupellos. Bei anderen ist das zum Glück sehr lustig. Als Außenstehender labt man sich an jeder Sekunde der in Echtzeit erzählten Tragikkomödie, da man sich genau in die Figuren hineinversetzen kann und sie einer falschen Gesellschaft gekonnt den Spiegel vor halten.

Vier Figuren und eine nur allzu normale Situation. Der Gott des Gemetzels zeigt wie Menschen völlig die Kontrolle über sich verlieren und baut gleichzeitig eine perfide Zustimmung den Charakteren gegenüber auf. Besonders hervorzuheben ist wieder einmal die Leistung von Christoph Waltz, der derzeit in Hollywood solange seine Rolle aus Inglorious Basterds wiederholen darf, bis sein vorzüglich anbiedernder Charme auch beim Letzten angekommen ist. Seine andauernden Telefonate machen den Zuschauer ganz kirre, denn ständig muss das Gespräch unterbrochen werden. Die Kritik an der Abhängigkeit von Technologie ist nur eines der vielen thematisierten Elemente. Waltz ruft sein Repertoire für das Stück solide ab. Er fand sich mit dem Rest des Casts für zweiwöchige Proben zusammen, in denen Polanski haarklein am richtigen Tonfall für die angebrachte Balance aus Satire, Komödie und Drama pfeilte. Kate Winslet sagt zum Stück, dass jeder, egal in welchem Land er lebt, etwas Ähnliches schon einmal erlebt habe. Besonders der sogenannte “Eltern-Modus” verlange es sich zu verstellen. Sie sagt:

Wenn man mit anderen Eltern diskutiert, liegt immer ein ‘Ich muss freundlich zu dir sein, obwohl ich dich nicht ausstehen kann’ in der Luft. Man bemüht sich, höflich zu bleiben, man verstellt sich.