Der die Zeichen liest

Veröffentlichung  19. Januar 2017    Regie  Kirill Serebrennikov    Darsteller  Petr Skvortsov  Victoria Isakova  Svetlana Bragarnik
Foto: Neue Visionen Filmverleih
 IMDb-Wertung
Foto: Neue Visionen Filmverleih

Wenn man es mit dem eigenen Glauben übertreibt

Niemand sollte anderen Menschen vorschreiben dürfen, woran sie glauben sollen. Der Film zeigt, dass Religion eine Form der Manipulation sein kann. Und dass Fanatikern nichts entgegenzusetzen ist.

Benjamin (Kirill Serebrennikov) weigert sich am Schwimmunterricht teilzunehmen. Erst vermutet seine Mutter, dass das auf unkontrollierbare Erektionen zurückzuführen ist. Über so einen lächerlichen Verdacht kann Benjamin aber nur schmunzeln. Er fühlt sich viel mehr beim Anblick leichtbekleideter Mitschülerinnen in seinen religiösen Gefühlen verletzt. Denn er hat beschlossen sein Leben ganz nach den Grundsätzen der Bibel auszurichten – und zwingt damit auch sein Umfeld zum Einlenken. Um für Ruhe zu sorgen, beschließt die Schulleitung zunächst das Bikini-Verbot. Später müssen auch die Unterrichtsstunden in Sachen Sexualkunde und zur Entstehung der Welt bei Bio-Lehrerin Elena Lvovna (Victoria Isakova) neu bewertet werden. Das alles geht Benjamin jedoch noch nicht weit genug: Er will die Welt brennen sehen und sieht sich als Kreuzzügler, der in den Krieg geht. Sein Verhalten sorgt im Kollegium für Unruhe und trotzdem will Frau Lvovna ihren Schützling nicht aufgeben. Nur wie spricht man mit einem Fanatiker, der bereit ist über Leichen zu gehen?

Über die Fallen religiöser Denkmuster

Der Film von Kirill Serebrennikov macht deutlich, dass das Leben reine Auslegungssache ist. Wer im Buch Gottes nach Antworten auf die großen Fragen sucht, wird garantiert fündig. Die Frage ist also viel eher: Woran glaubt man selbst? Will man denken, dass Homosexualität ein Zeichen gottlosen Verhaltens ist und damit von der Bibel verurteilt wird? Dann wird man entsprechende Hinweise in den Paulusbriefen finden. Aber beschreibt eine subjektive Auslegung dieser Verse nun eine tatsächliche Relevanz für unsere Zeit? Wohl kaum. An diesem Konflikt arbeiten sich Benjamin und seine Lehrerin in fast zwei Stunden Laufzeit ab. Durch Benjamins ausuferndes Bibelstudium liegen ihm für fast jede denkbare Sünde knackige Zitate auf der Zunge. Text-Einblendungen helfen dem Zuschauer beim Verständnis derselben – fast wie beim Karaoke-Singen. Seine Lehrerin kann diesem Wissensvorsprung zunächst nichts entgegensetzen. Allein mit den Mitteln der Wissenschaft kommt sie nicht gegen Benjamin an. Als Elena Lvovna schließlich selbst zur Bibel greift, droht auch sie dem Interpretationsrausch zu erliegen. Richtig gesund ist das für keinen von beiden!

Mit Ironie als Erklärversuch

Es wird schnell klar, dass es Benjamin ernst ist mit seinem Glauben. Er wendet sich von jeglichen Verführungen der Welt ab. Sein Zimmer nimmt er Stück für Stück auseinander, bis schließlich selbst die Tapete weg muss. Mit Brettern vor dem Fenster und einer Matratze auf dem Boden hat er alles, was er zum Leben braucht. Seine Mutter ist vom fanatischen Verhalten ihres Jungen gänzlich überfordert. Die Inszenierung der Beziehung zwischen Benjamin und seinen Mitmenschen ist elektrisierend. Man weiß nie, ob seine unbändige Wut auf alle Ungläubigen im nächsten Moment überkocht. Oder ob er nachher sogar Recht behält und wir alle vor lauter Ablenkung nicht wahrhaben können, was er schon die ganze Zeit sieht. Doch spätestens beim Versuch einen Mitschüler mit der bloßen Kraft seiner Gedanken von einer angeborenen Bein-Deformation zu heilen, wird aus Ernsthaftigkeit bloße Satire. In diesem Moment ist Der die Zeichen liest am stärksten. Am Ende darf man eben nicht alles glauben, was geschrieben steht – sondern muss einmal den Kopf anschalten und überlegen, was tatsächlich realistisch ist.

Die Relevanz der Religion steht in Der die Zeichen liest nicht zur Debatte. Stattdessen nimmt die bitterböse Satire religiöse Denkmuster unter die Lupe. Und so wird gezeigt, welche Macht von Fundamentalisten ausgehen kann. Am Ende gibt es mit Sicherheit großen Redebedarf!