Charlie Cunningham

Album  Lines    Veröffentlichung  27. Januar 2017
Foto: Hella Wittenberg Foto: Hella Wittenberg

Charlie Cunningham hat absolut den Durchblick. Er studierte in Oxford, lebte eine Weile im spanischen Sevilla und ließ sein Gitarrenspiel dort vom Flamenco inspirieren – und jetzt ist er an dem Instrument so virtuos, dass man selbst beim Vergleich mit José González fast mit den Augen rollen möchte. Und obendrauf hat er auch das Bild für sein erstes Albumcover selbst fotografiert. Die dramatische Berglandschaft in Schwarzweiß hat er mal eben so mit seinem iPhone abgeknipst. Trotzdem gibt sich der Brite stets bescheiden. Auch im Interview, das während seiner Tour zu seinem ersten Album Lines stattfindet, gibt er sich äußerst zurückhaltend. Aber an dieser einen Sache gibt es auch nach dem Gespräch nichts zu rütteln: Charlie Cunningham hat das Leben verstanden.

Mal ganz ehrlich: Hast du viele Reviews zu deinem Debüt gelesen und was hat das mit dir gemacht?

Charlie Cunningham: Ach, ich hab wirklich nur so acht gelesen, die an mich weitergeleitet wurden. Ich bin natürlich interessiert daran, was die Leute über mich zu sagen haben, aber trotzdem lese ich nicht gleich alles. Mein größter Kritiker bin ich selbst. Ich habe schon meine Liste an Dingen, die ich beim nächsten Mal anders machen möchte. Ansonsten frage ich auch mal Freunde nach ihrer Meinung. Nur muss ich da sagen, dass sie dazu neigen zu überkompensieren. Sie wollen nicht, dass ich denke, dass sie nur nett zu mir sein wollen, also suchen sie extra genau nach Kritikpunkten oder sagen das Gegenteil von dem, was sie meinen. Aber grundsätzlich weiß ich ganz gut, wo ich hinpasse, und lasse mich nicht so schnell durcheinanderbringen.

Wusstet du auch im Vorhinein genau, worauf du mit Lines hinaus möchtest?

Ja, ich hatte exakt im Kopf, was für ein Album ich habe wollte, und das darauf jeder Song auf den anderen aufbauen sollte. Es ging wirklich um das große Ganze und nicht um einzelne Stücke. Ich habe viel herumprobiert, um in jedem Song gleichermaßen Ups und Downs zu haben. Nichts passiert einfach so, man muss editieren und alles sehr lange durchdenken. Das kann hart sein. Während ich am Album gearbeitet habe, sah ich alles nur noch im Kontext zur Platte. Ich bin so froh, dass es nun raus ist. Jetzt muss mich niemand fragen, wann ich es endlich veröffentliche. Ich muss weniger reden. Keiner fragt mich mehr: Was ist der Plan? Nun heißt es: Das war der Plan! Es ist leichter durch Musik zu erklären.

Ich habe gehört, dass du bereits nach der Tour zu deiner dritten EP ziemlich ausgelaugt warst. Wie geht es dir jetzt, wo du mit einem ganzen Album im Rücken unterwegs bist?

Mir geht es besser denn je! Ich glaube, ich war vorher so fertig, weil ich zwischen den EPs immer nur eine sehr kurze Pause hatte. Und der vergangene Sommer war auch echt mit vielen Festivals vollgepackt. Doch auch wenn ich nach dem Touren nur meine Ruhe haben wollte – sobald es dann so weit war, habe ich mir nichts sehnlicher gewünscht als wieder auf die Bühne gehen zu können. Jetzt ist es auch viel angenehmer, weil ich nicht mehr allein unterwegs bin. Vorher saß ich ziemlich einsam im Zug und reiste durch die Gegend. Dabei hatte ich noch Merch, Gitarre und Klamotten dabei. Das war heftig. Zu viert und mit einem Van ist alles viel einfacher und schöner. Außerdem nehme ich nun Tabletten mit Vitamic C und generell viel mehr Obst und Gemüse zu mir. Da muss ich mich gleich nicht mehr so schlecht fühlen, wenn ich hier und da ein Bier mehr trinke.

Wieso ist es so wichtig für dich in deinen Songs so extrem ehrlich zu sein?

Für mich ist es deshalb wichtig, weil ich in der Lage sein muss diese Songs jeden Tag auf der Bühne singen zu können. Klar, ich bin nicht jeden Tag gleich gut drauf und manchmal fällt es deshalb umso schwerer sich so vor allen zu öffnen. Aber dafür habe ich meine Routine, die mich vor der Show in die richtige Stimmung bringt. Da ziehe ich mich eine Stunde vor Konzertbeginn zurück und bin nur für mich. Da trinke ich dann ein Bier, rauche … halt so Dinge, die ich auch mache, wenn ich die Songs schreibe. Manchmal brauche ich dann trotzdem noch eine Weile auf der Bühne bis ich richtig drin bin, aber dann wird es meist gut.

Bei dir klingt das Songschreiben wie Therapieersatz.

Ich will nur, dass meine Songs Tiefe haben. Und oftmals ist es nun mal so, dass ich zu schwereren, mich betreffenden Themen einen besseren Zugang habe. In „Planes“ geht es zum Beispiel um einen engen Freund von mir. Der Song musste genauso aus mir heraus. Das war wirklich ein therapeutischer Prozess. Das war mein ganz persönlicher Teufel und als ich diesen endlich richtig artikuliert und zu einem Song umfunktioniert hatte, war das als hätte ich wirklich einen massiven Ballast von meinen Schultern laden können.

Wann schreibst du deine Songs?

Oftmals nachts. Aber manchmal schnappe ich mir auch gegen 9 Uhr am Morgen meine Gitarre und dabei kommt etwas Gutes heraus. Nur nach dem Mittag geht gar nichts mehr bei mir. Das ist bei den meisten so, oder? Wir sollten es alle wie die Spanier halten und eine Siesta machen. Drei Stunden einfach mal alles stehen und liegen lassen.

Neben der Siesta und dem Gitarrenspiel – was konntest du noch in deiner Zeit in Spanien von den Einheimischen lernen?

Sie haben ein Arbeiten-um-zu-leben-Ding am Laufen und nicht diese weit verbreitete Leben-um-zu-arbeiten-Mentalität. Das mag ich. Und die Spanier sind alle sehr sozial und offen miteinander. Das gilt vor allem auch für die Musik. Dort braucht keiner eine Bühne oder ein Konzert, um mit der Musik loszulegen. Alles ist sehr locker. Ich finde die Briten könnten generell mehr von den Spaniern übernehmen.

Es ist schwer sich in eine neue Gruppe richtig zu integrieren, oder?

Ich habe Ewigkeiten gebraucht bis ich mit jemanden in Spanien gesprochen habe. Ja, es ist echt schwer soziale Gruppen zu infiltrieren. Das hört man ja auch Leute sagen, die London besuchen. Es wird oft gesagt, die Engländer seien sehr zugeknöpft. Dabei ist es auch bei uns so: Wenn man sich länger auf uns einlässt, kommt man auch unter die Oberfläche.

Abgesehen vom Reisen: Wo möchtest du musikalisch als nächstes hin?

Ich liebe Blues, da würde ich gern mehr machen. Muddy Waters und B. B. King sind genial. Ich liebe es, wie sie spielen. Aber ich versuche mich auch immer weiter an der Gitarre zu fordern. Nur mit dem Notenlesen werde ich wohl nicht besser werden. Das ist aufgeschrieben irgendwie immer etwas anderes als gespielt. Mein Kopf arbeitet da einfach anders. Ansonsten möchte ich aber auch dahinkommen, dass ich generell präsenter bin. Es ist leicht gedanklich immer schon einen Schritt weiter zu sein. Aber ich will jetzt wirklich mehr in mich aufnehmen, mehr genießen – und nicht über das Danach grübeln. Denn daran kann man sich festmachen und eh man sich versieht, ist jede Menge Zeit vergangen.

 

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Rubrik  Interview    Autor      Datum  05. Mai 2017    Worte  1,129
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