Blacktape

Veröffentlichung  03. Dezember 2015    Regie  Sékou Neblett    Darsteller  Sékou Neblett  Marcus Staiger  Falk Schacht
Foto: Camino Filmverleih Foto: Camino Filmverleih

Die Ursprünge des Deutschrap

Wie fing das alles eigentlich mit der deutschen Hip-Hop-Szene an? Die halbfiktive Dokumentation Blacktape versucht Antworten zu finden.

Auf seiner filmischen Reise befasst sich der amerikanische Rapper und Regisseur Sékou Neblett mit der deutschen Hip-Hop-Subkultur. Einst gehörte er zur Stammbesetzung der Stuttgarter Combo Freundeskreis (rund um Max Herre und Don Philippe), heute ist er vor allem als Filmemacher aktiv. Für Blacktape zieht es Neblett zurück zu seinen Wurzeln. Gemeinsam mit Journalist Falk Schacht und Ex-Label-Boss Marcus Staiger (brachte das Untergrund-Label Royal Bunker auf den Weg) spürt er dem rappenden Mysterium „Tigon“ nach, der den Stein damals ins Rollen gebracht haben soll. Noch nie gehört? Kein Wunder, denn bei dem Artist handelt es sich nämlich nur um einen erdachten Aufhänger für das Szene-Portrait. Blacktape versammelt das Who is Who des deutschen Hip-Hops vor der Kamera. Neben Urgesteinen wie Tomas D, Azad, Sammy Deluxe, Afrob und Fünf Sterne Deluxe kommen auch Rapper aus der jüngsten Epoche wie Eko Fresh, Marteria und Haftbefehl zu Wort.

Einflussreiche Jugendbewegung

Mit Fraktus flimmerte 2012 bereits ein ganz ähnliches Projekt auf der Suche nach den Ursprüngen des deutschen Techno über die Kino-Leinwände. Der Film war von den Komikern Studio Braun als Persiflage auf die elektronische Musikszene zu verstehen. Einen ähnlichen Versuch unternimmt nun Regisseur Sékou Neblett, der Blacktape als informative Interviewreihe mit den Größen der Szene startet und dann zur Schnitzeljagd nach dem verschollenen Untergrund-Juwel „Tigon“ ausweitet, an den sich heute komischerweise niemand mehr so recht erinnern will. Alles beginnt mit einer unbetitelten Tonbandkassette und der Kontaktaufnahme durch ein anonymes Facebook-Profil. Neblett, Staiger und Schacht machen sich sogleich ans Recherchieren und folgen den vielfältigen Spuren durch ganz Deutschland – bis in einen ehemaligen US-Armeestützpunkt. Doch schon bald verschwinden Quellen und Technik spurlos und die drei Männer tappen wieder im Dunkeln – Happy End ungewiss. Fast schon beiläufig arbeitet sich Blacktape dabei an der deutschen Hip-Hop-Szene ab und erklärt, wie sie sich zu einer solch kraftvollen Jugendbewegung entwickeln konnte. Indem die Macher selbst in die Recherche eingreifen, verdeutlichen sie auch mit einem Augenzwinkern wie zerstritten viele Künstler untereinander sind. Hilfe bei der Suche bekommt das Trio immer nur dann, wenn gerade mal kein Beef zwischen zwei Parteien besteht.

Identität durch Sprache

Doch wofür steht Hip-Hop nun eigentlich? Seine Ursprünge hat der Sprechgesang im Amerika der 80er Jahre, wo Künstler dem amerikanischen Establishment mit Beats und Rhymes den Kampf ansagten. Wenig später schwappte diese musikalische Bewegung auch nach Europa. Wer etwas auf sich hielt, rappte auf Englisch – die deutsche Sprache reichte anfänglich gerade mal zur Parodie oder zum „Spaß-Rap“ wie zu Zeiten der Neuen Deutschen Welle. Ab 1985 setzten sich aber auch immer mehr ernstzunehmende Künstler mit der Stilistik des Genres auseinander und fanden ihre eigene Stimme. Formationen wie Die Fantastischen Vier oder Freundeskreis ermöglichten der jungen MTV-Generation sich erstmalig auch mit deutschen Texten auseinanderzusetzen, die ihrer Lebenswelt entsprechen. Blacktape weiß auf charmante Art und Weise klarzumachen: Selbst nach 30 Jahren Hip-Hop in Deutschland ist noch lange kein Ende in Sicht und die Geschichte mit Sicherheit nicht auserzählt.

Auf keinen Fall sollte man Blacktape als historisch korrekten Wikipedia-Eintrag verstehen. Dennoch ist die Quasi-Doku ein Muss für alle Freunde des Sprachgesangs und die, die es noch werden wollen. Denn hier lässt man die Akteure selbst zu Wort kommen und macht die Relevanz des Genres für die deutsche Popkultur – deren Sprache und musikalische Entwicklung – sehr gut und durchaus witzig sichtbar.

 

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Rubrik  Kino    Autor      Datum  03. Dezember 2015    Worte  559
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