Berlinale 2016 – Preisverleihung

   Film  Fuocoammare       Regie  Gianfranco Rosi
Foto: Hella Wittenberg
 IMDb-Wertung
Foto: Hella Wittenberg

Holt die Jogginghose raus, die Berlinale 2016 ist vorbei!

Ja, es war ein Fest. Vom 11. bis 21. Februar wurden in Berlin mal wieder die schönsten neuen Filme durchgeklöppelt. Nicht nur Journalisten und die internationale Jury rund um Präsidentin Meryl Streep hatten ein straffes Programm zu schaffen – täglich fanden auch unzählige Festivalbesucher ihren Weg in die Berlinale-Kinos. Das es da wirklich so einige Glanzstücke zu entdecken gab, ist spätestens seit der Preisverleihung am Samstagabend klar, der ich selbst auch beiwohnen durfte.

Ein wenig herrscht bei mir noch immer Schockstarre, dass ich da mitten im Berlinale Palast saß, vor mir Tomasz Wasilewski, Gewinner für das Beste Drehbuch mit „United States of Love“, hinter mir die Jury-Mitglieder Lars Eidinger, Alba Rohrwacher, Nick James, Brigitte Lacombe, Clive Owen, Małgorzata Szumowska und Meryl Streep höchstpersönlich. Damit das auch alles Hand und Fuß hat, was ich hier erzähle, habe ich übrigens viele, verwackelte Handybilder geschossen. Ich schwöre. Trotzdem möchte ich nun versuchen meine Gedanken zu dem Event in eine halbwegs geordnete Reihe zu bringen. Also macht euch gefasst auf Highlights über Highlights!

Zunächst wurde zum zweiten Mal überhaupt der Audi Short Film Award verliehen. Dieser ging an Chiang Wei Liang und sein Werk „Jin zhi xia mao“. Eine enthusiastische, politische Rede folgte, bei der ich gleich mal einen Eindruck davon bekommen konnte, wie fetter Applaus in diesem schnieken Haus so klingt. Danach wurden von der internationalen Kurzfilmjury – also von Sheikha Hoor Al-Qasimi, Avi Mograbi und Katerina Gregos – die Gewinner des Silbernen und Goldenen Bären für die besten Shorts bekanntgegeben. Auch gut und von mir eigentlich genau so per Charles-Xavier-Gedankenübertragung übermittelt: Mahdi Fleifels „A Man Returned“ bekam den Silbernen Bären und „Balada de um Batráquio“ von Leonor Teles den Goldenen. Das Schöne dabei war es den anfänglichen Schock bei der Verkündung und dann die ehrliche Freude, mitsamt der Knuddelei von Cast und Crew aus nächster Nähe beobachten zu dürfen. Am Ende sind wir eben doch alle nur Menschen, quasi eine ziemlich große Familie – nicht wahr, Meryl?

Bisher hatte ich mir Verleihungen wie zum Beispiel die Oscars oder Golden Globes im Fernsehen angeschaut, ich war also dementsprechend auf eine lange, lange Siegerehrung mit viel Geschwafel vorbereitet. Aber letztlich ging alles ruck, zuck vorbei. Nix da mit stundenlangem Gähnen und nach etwas Essbaren sehnen. Moderatorin Anke Engelke machte ein Späßchen nach dem nächsten und Berlinale-Direktor Dieter Kosslick freute sich um die Wette mit den Preisträgern. Dabei fiel speziell die dünnbeinige Mia Hansen-Løve auf, die für ihr Werk „Things to Come“ den Silbernen Bären für die beste Regiearbeit überreicht bekam. Ihre Rede daraufhin war knapp, pointiert und mit einem kleinen emotionalen Touch. Und während andere Sieger des Abends (wie beispielsweise Majd Mastour, der zum Besten Darsteller für „Hedi“ gekürt wurde) die Jury gar nicht genug umarmen konnten, war Mia Hansen-Løve so schnell wieder runter von der großzügigen Bühne, dass ihr gar nicht jeder schaffte die Hand zu reichen. Manchmal tut es eben auch ein simples Winken.

Weitere Gewinner, die mich umgehauen haben: Trine Dyrholm und Gianfranco Rosi. Erstere überzeugte mit ihrer intensiven Darstellung in Thomas Vinterbergs „The Commune“ als Beste Hauptdarstellerin. Die Dänin strahlte bei der Preisübergabe so einnehmend, dass ich mich bei einem Blick in ihr Gesicht sofort in einen herrlichen Sommerurlaub versetzt sah. Gianfranco Rosi heimste den Goldenen Bären für den Besten Film ein – die letzte Statue, die an diesem Abend verteilt werden musste. Und seine Ansprache stellte einen regelrechten Weckruf dar! Er widmete seinen Gewinn den Bewohnern von Lampedusa, die den Flüchtlingen, die dort ankamen, stets sehr offen gegenüber gewesen seien. Die Flüchtlingsdoku des 51-Jährigen wurde im Anschluss an die Zeremonie gezeigt. Was soll ich sagen? Erst war mir zum Feiern zumute, dann kam ich mir blöd vor. Hier hocken wir alle nun zusammen, Glitzern und Glamen um die Wette – und dann guckt man sich „Fuocoammare“ (im Deutschen: Feuer auf See) an und mit einem Mal wird einem das Elend der Flüchtlinge aber so was von um die Ohren gehauen, dass man danach kaum noch geradeaus schauen kann – geschweige denn sich selbst in die Augen. Mit seinem Film will Gianfranco Rosi mehr Menschen für die Thematik sensibilisieren. Ich denke, das hat er geschafft – und darüber hinaus noch viel mehr.

Danach gab es noch einmal einen totalen gefühlsmäßigen Bruch. Denn nach der Filmvorführung gab es lediglich Sekt und netzwerkfreudiges Publikum im Berlinale Palast zu holen. Doch für die echte Sause zum Abschluss der Berlinale 2016 wurde ich ins Crackers chauffiert. Danke Audi, dass ihr mich fühlen lassen habt wie ein 1A-Promi. Mein Fahrer erzählte mir, dass er tatsächlich extra aus Hannover angereist sei, um mich in zu dieser Festivität hinkutschieren zu dürfen. Na gut, na gut – ich lasse hier ein paar möglicherweise relevante Details weg, aber es soll ja dem Effekt dienen. Denn beeindruckt war ich alle Male. Zwischen Marleen Lohse und Detlev Buck ließ es sich gleich umso lockerer zu den Klängen von den Chemical Brothers und Boy tanzen. Das lief eine ganze Weile so – bis ich dann doch irgendwann wieder in die Normalo-Welt zurück musste. Und so wurde das kleine Schwarze wieder gegen die hundert Mal durchgewaschene H&M-Jogginghose eingetauscht.

 

 

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Rubrik  Farbensportlich  Kino    Autor      Datum  21. Februar 2016    Worte  850
Permalink  http://www.farbensportlich.de/berlinale-2016-preisverleihung/    Farbe  #310909
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