Baio

Album  The Names    Veröffentlichung  18. September 2015
Foto: Hella Wittenberg Foto: Hella Wittenberg

Füße still halten? Wie bitte soll das gehen? Während es andere Musiker zwischen der Albumaufnahme und dem Touren etwas ruhiger angehen lassen, will Chris Baio dann immer noch weiter an Sounds und Songs arbeiten. Bassist von Vampire Weekend zu sein, genügt dem 30-Jährigen Wahl-Londoner schon lange nicht mehr. Als er mit seiner Hauptband 2009 „Contra“ aufnahm, gab es für ihn kein Halten mehr. Er ölte seine Singstimme, legte sich den Solo-Namen Baio zu und spielte die Stücke ein, welche nun in ihrer Gesamtheit auf dem Debütalbum „The Names“ so eine sanft-spätsommerliche Wohlfühlstimmung verbreiten.

Eine Sache vorweg: Nicht nur deine Platte, sondern auch das Albumcover sorgen für Sommer-Gefühle.

Und weißt du wo das Bild aufgenommen wurde? In Hamburg! Es stammt von Matthias Heiderich. Seine Bilder haben mich total beeindruckt, weil sie so farbenfroh sind und gar nicht dem oft so grauen Eindruck entsprechen, den ich bei meinen Reisen durch Deutschland gewann. Als ich an meiner Musik arbeitete, hatte ich seine Fotografien im Hinterkopf. Also schrieb ihm nach dem Beenden des Albums kurzerhand eine E-Mail und bat um Erlaubnis eines seiner Fotos als Cover zu nutzen. Zum Glück war er sofort einverstanden. Für ihn war es auch kein Problem, dass ich noch meinen Schriftzug darüber legen würde. Der Font ist übrigens der gleiche wie der von den Credits in Ingmar Bergmans Persona. Das ist nämlich einer meiner absoluten Lieblingsfilme!

Du bist wirklich ein Film-Nerd, oder? Ich einem Interview hast du sogar das True Romance-Zitat „It’s better to have a gun and not need it than to need a gun and not have it“ einfach so aus dem Ärmel schütteln können.

Ja, ich finde das Zitat nun mal genial. Auch wenn ich es für mich als DJ ein wenig umfunktioniert habe, weil ich eigentlich überhaupt kein Waffen-Freund bin. Bei mir heißt es „It’s better to have „Bizarre Love Triangle“ [Song von New Order, Anm. d. Red.] and not need it than to need „Bizarre Love Triangle“ and not have it when you DJ.“

Du bist von New York nach London gezogen. Hast du jetzt weniger Waffennarren um dich als zuvor?

Oh ja, Großbritannien ist das komplette Gegenteil zu Amerika. Ich kann Waffen wirklich nicht leiden und ich möchte auch nicht, das jemand eine Waffe in mein Zuhause bringt. Aber das war einmal der Fall, ohne das ich davon Kenntnis hatte. Da bekamen meine Frau und ich in New York Besuch von ihrem Cousin aus Florida und der trug eine Schusswaffe mit sich. Erst als er nicht seinen Rückflug antreten konnte, weil er für seine Waffe nicht die richtigen Papiere ausgefüllt hatte, und deshalb sogar festgenommen wurde, erfuhr ich davon. Ich war stinkwütend! Aber in Amerika sind Knarren nun Mal total das Ding. Doch auch wenn ich mich gar nicht wie ein typischer Amerikaner sehe, fühle ich mich komischerweise in London dem Amerikaner-Sein näher als je zuvor. Das kommt wohl, weil ich oft nach meiner Meinung zu einem Thema aus der Sicht eines Amerikaners gefragt werde. Plötzlich werde ich zu einem Repräsentanten des Landes, ohne das ich das bewusst so wollte. Diese Entwicklung brachte mich zum Grübeln und viele Gedanken dazu flossen auch in das Album ein.

Fällt es dir leicht in Sachen Politik meinungsstark aufzutreten?

Natürlich nicht! Es wäre ein Alptraum für mich politische Reden im US-TV halten zu müssen. Da muss alles immer so klingen als würde es die absolute Wahrheit sein. Dabei hat doch jeder seine eigene Perspektive auf die Dinge. Aber auch wenn ich nicht immer zu allem eine Meinung habe, so liebe ich es doch zu reden. Ich kann stundenlang über Historie quasseln! Dennoch bin ich nicht die lauteste Person im Raum. Ich mag es nicht über Politik zu streiten. Nur bin ich in einer Familie aufgewachsen, in der sich am Tisch immer sehr lautstark die politischen Ansichten entgegengebrüllt wurden. Aber so ein politisches Gespräch würde in London wohl ganz anders aussehen als in Amerika.

Hast du dich an deinem neuen Wohnort mittlerweile gut eingelebt?

Oh ja, mein Alltag unterscheidet sich dort auch gar nicht so sehr von dem in New York. Ich arbeite den ganzen Tag lang an Musik und freue mich, wenn meine Frau von der Arbeit nach Hause kommt. Aber vor allem genieße ich die Anonymität der Stadt. Denn wenn ich vor die Tür trete, stoße ich nicht sofort mit einem bekannten Musiker oder einer Person zusammen, die ich noch aus College-Zeiten kenne. Na gut, ich möchte mich jetzt auch nicht beschweren, dass ich zu viele Freunde hätte! [lacht] Trotzdem fühlte sich der Umzug nach London sehr befreiend an.

Denkst du „The Names“ hätte ohne den Umzug am Ende genauso geklungen?

Nein, es wäre wohl ein anderes Album geworden. Durch das Umziehen habe ich mich gestärkt gefühlt. Ich bin sehr froh, dass mich der Job meiner Frau nach London gebracht hat. Aber ich könnte mir zukünftig auch andere Städte für Aufnahmen vorstellen. Es wäre fantastisch eine Platte in Berlin und eine in Helsinki zu machen!

Wann kam der Punkt, an dem du gemerkt hast, dass du jetzt ein Solo-Album machen möchtest?

Das war 2009, als wir an „Contra“ gearbeitet haben und ich das Gefühl hatte, dass da auch eigene Soundideen existieren. Für mich war es nach dem Auflegen die nächste logische Stufe auch selbst Songs zu schreiben und zu singen. Ich wusste plötzlich genau wie ich klingen wollte. Aber am Anfang war meine Stimme einfach nur schrecklich. Ich musste vor den Aufnahmen viel üben und für die Platte habe ich allein drei Wochen nur am Gesang gearbeitet. Für mich war das keineswegs etwas Natürliches. Doch nachdem ich einmal begonnen hatte, gab es kein Zurück mehr. Ich war erst zufrieden als ich all die Musik aus mir herauslassen konnte. Dennoch sehe ich mich nicht als jemanden, der ständig Alben herausbringen muss. Ich werde gucken wie es läuft. Doch nachdem ich „The Names“ endlich fertig hatte, wusste ich zunächst gar nichts mit mir anzufangen. Und auch jetzt denke ich: Ich brauche dringend ein neues Hobby!

Vielleicht wirst du ja noch zum Fotografen. Ich habe das Gefühl du hast ein Auge für die besonderen Details des Alltags.

Ich liebe die Fotografie! Mein Dad hat mich damit schon sehr früh in Berührung gebracht. Wenn wir in den Urlaub fuhren, hatte er immer eine Kamera dabei, was meine Schwester und mich anfangs echt genervt hat. Als wir einmal zwei Wochen unterwegs waren, schoss er in der Zeit nämlich fast 4000 Bilder. Unglaublich! Mittlerweile sammelt er Fotografien anstatt selbst zu fotografieren.

An was erinnerst du dich noch gerne aus deiner Kindheit?

Ich fühle mich mit jeden Tag wohler in meiner eigenen Haut und möchte nicht wieder Kind sein. Das war einfach nur eine schwere Zeit. Aber ich mochte es so einen kleinen Ball immer wieder gegen eine Wand zu werfen und ihn dann wieder zu fangen. Das mag ein cooles Spiel für einen 6-Jährigen sein, aber ganz sicher nicht für einen 30-Jährigen.

Du könntest Squash spielen.

Tatsächlich habe ich in New York immer mit Chris [Chris Tomson, Drummer bei Vampire Weekend, Anm. d. Red.] Racketball gespielt. Aber in London kenne ich leider keinen, mit dem ich das machen könnte…

In deinem Video zu „Sister of Pearl“ bewegst du dich übrigens sehr elegant.

[lacht] Ich mochte es schon immer zu tanzen. Das habe ich von meiner Mutter, die hat früher sehr viel getanzt. Außerdem macht es einfach mehr Spaß zur Musik zu tanzen als es nicht zu tun. Ich will mich mit diesem Album nicht verstecken, sondern alles geben und mich dadurch gut fühlen.

Wenn du dich nicht verstecken möchtest, verstehe ich nicht den so anonym klingenden Albumtitel „The Names“. Wie kamst du darauf?

Ich mag, dass du sagst, dass es anonym klingt. Jeder soll selbst etwas hineininterpretieren können. Der universelle Titel machte es besonders für mich. Ich muss dazu sagen, dass ich die Bücher von Don DeLillo liebe und eines davon heißt eben „The Names“. Als ich wusste, dass ich ein Album herausbringen würde, stand der Titel sofort fest. Für mich war es eine große Entdeckung, als ich in meinen Mitzwanzigern herausfand, dass er wie ich im Norden von New York City aufgewachsen ist. Denn bisher hatte ich den Stadtteil als absolute Sporthochburg erlebt. Der Gedanke, dass dort auch ein berühmter Schriftsteller herkam, war einfach wahnsinnig cool. Ich habe alles von ihm gelesen. So auch „The Names“ aus dem Jahr 1982. Darin geht es um einen Amerikaner, der aber nicht mehr in Amerika lebt. Mir war es wichtig, dass der Albumtitel und die Musik miteinander harmonieren.