Baden Baden – Glück aus dem Baumarkt?

Veröffentlichung  29. September 2017    Regie  Rachel Lang    Darsteller  Salomé Richard  Claude Gensac  Swann Arlaud
Foto: Film Kino Text
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Ein Problem ist nicht genug

Dass Erwachsenwerden nicht das Einfachste der Welt ist, wissen wir schon lange. Aber diese Tragikomödie lässt die damit einhergehenden Krisen noch einmal auf eine ganz neue Weise amüsant aussehen.

Einen passenden Job zu finden, gestaltet sich für Ana (Salomé Richard) ziemlich schwierig. Die 26-Jährige versucht sich in England als Fahrerin für Schauspieler, scheitert dabei aber kläglich. Sie setzt eine Hauptdarstellerin viel zu spät am Filmset ab und wird daraufhin mächtig angebrüllt. Danach ist ihr die Lust an der Arbeit vergangen. Also fährt Ana mit dem Auto, was nicht einmal ihr eigenes ist, kurzerhand zurück in ihre Heimatstadt Straßburg. Wirklich besser läuft es da aber auch nicht. Ihre liebste Oma (Claude Gensac) bricht sich das Bein und muss ins Krankenhaus. Derweil will Ana ihr etwas Gutes tun und die Badewanne der Großmutter in eine besser zugängliche Dusche umfunktionieren. Leichter gesagt als getan … Und auch mit der Männerwelt ist es kompliziert: Da wäre zum einen ihr bester Kumpel (Swann Arlaud), mit dem sie spontan anbandelt, aber dann gibt es da auch noch ihren Ex (Olivier Chantreau), an dem sie hängt. Und zu guter Letzt tritt auch noch ein Typ (Lazare Gousseau) auf den Plan, der ihr im Baumarkt eigentlich nur kurz behilflich sein wollte.

Herrliche Komplexität

Es ist wirklich unglaublich, Protagonistin Ana scheint nichts gebacken zu bekommen. Immer wieder verirrt sie sich – erst im Job, dann im Zwischenmenschlichen. Dass diese ganze Verwirrung beim Zuschauen nicht auf unangenehme Weise auf uns überschwappt, ist der Inszenierung von der Regisseurin und Drehbuchautorin Rachel Lang zu verdanken. Die Französin stellt in ihrem Spielfilmdebüt dem Chaos ruhige, in sich hineinziehende Bilderwelten gegenüber. Zum einen sehen wir helle, aber stets spröde Großaufnahmen von Plattenbauten, und zum anderen Closeups von Anas Gesicht. Wir können uns genau die Makel in ihrem Gesicht anschauen und trotzdem bekommen wir am Ende des Films das Gefühl, dass wir hier eine perfekte Heldin erlebt haben – und das vor allem, weil sie so mustergültig unperfekt ist.

Keine Ahnung von nichts?

Wenn man so Ana beim Durchstolpern durch ihr Leben betrachtet, glaubt man in ihr eine echte Träumerin gefunden zu haben. Irgendwie will sie nicht so schnell wie alle anderen erwachsen werden. Ana hat keine Lust auf große Verantwortung, auf das, was andere ‚normal’ nennen. Das macht sie schon damit deutlich, dass sie sich weiterhin die Achselhaare wachsen lässt, auch nachdem sich ihr Freund darüber abfällig geäußert hat. Und das ist wohl die schöne Message von Baden Baden – Glück aus dem Baumarkt?: Wir kriegen gezeigt, wie man auch durchs Leben kommt, wenn man nicht der Norm entspricht und keine klaren Ziele hat. Du kannst dich nicht entscheiden, was du als nächstes machen solltest? Dann probiere halt mehrere Varianten aus! Du willst ganz dringend etwas ändern in deinem Leben? Na dann machst du das eben. Die Filmemacherin Rachel Lang schafft in den gesamten anderthalb Stunden ein nonchalantes Schulterzucken mitschwingen zu lassen. Ganz nach dem Motto: Ist doch alles halb so wild, zusammen bekommen wir das schon hin.

In Baden Baden – Glück aus dem Baumarkt? wird das Genre des Coming-of-Age-Films nicht neu erfunden, gut ist die Tragikomödie dennoch alle Male. Das liegt hauptsächlich an den starken Bildern, aber auch der überaus starken Hauptdarstellerin Salomé Richard – sie schafft es uns auf ihre verpeilte Reise ins Erwachsenwerden mitzunehmen, ohne dass wir dabei verloren gehen.

 

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Rubrik  Heimkino    Autor      Datum  16. September 2017    Worte  549
Permalink  http://www.farbensportlich.de/baden-baden/    Farbe  #6b7c67
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