ABAY

Album  Love And Distortion    Veröffentlichung  01. Juni 2018
Foto: Hella Wittenberg Foto: Hella Wittenberg

„Wir sind keine Schrottband, die gerade aus der Schule kommt“

Aydo Abay hat genug von Hass und Negativität. Er will jetzt netter sein. Geduldiger. Mehr akzeptieren. Mehr lieben. Kein Wunder, dass die neue ABAY-Platte das große Wort Liebe im Titel trägt. Love And Distortion bringt die Veränderung auf den Punkt. ABAY, die mittlerweile zum Quartett angewachsen sind, befinden sich irgendwie auf dem Weg von der Distortion hin zur Love. Oder ist es doch umgekehrt?

Im Interview zeigt sich Sänger Aydo auf jeden Fall ziemlich offen für neue Denkanstöße, erzählt aber auch von seinen schwierigen Geduldsproben und dem großen Wunsch, endlich mal so richtig Anerkennung für das eigenen Schaffen zu bekommen.

Aydo, wie sehr bist du in euer neues Album verschossen?

Die Euphorie-Phase ist vorbei. Aus jetziger Sicht würde ich einiges anders machen. Aber unser Album ist immer noch besser als 95 Prozent der Musik aus Deutschland. Obwohl wir Songs schreiben, die keine Sau mehr interessiert. Wir spielen mittlerweile in unserer eigenen Liga, weil es da niemand anderes gibt. Außerdem sind wir recht speziell, obwohl unsere Musik gar nicht mal so originell ist. Aber Indie mit Altherrenrock-Note gibt es gerade sonst nicht. Bei der Probe neulich dachte ich schon: Ach du scheiße, die Opas werden so abfeiern und die Jungen werden „Was für ein Schrott!“ rufen … Wobei die Papas oft auch ihre Söhne oder Töchter mit auf die Konzerte bringen und sie so zu echten Fans machen. Ich habe gerade einen Zehnjährigen kennengelernt, der sonst nur HipHop hört, aber seit „Plastic“ totaler Fan ist.

Hast du mit anderen Menschen Geduld?

Habe ich nicht. Ich finde ja, dass ich immer on point bin und die anderen machen die Fehler. Da muss ich mich oft richtig beherrschen. Aber ich versuche das gerade zu lernen. Die Musiker in meiner Band brauchen häufig etwas Zeit, um sich einzugrooven. Da fehlt mir echt die Geduld. Aber ich reiße mich zusammen, sie können ja nichts dafür. Und sie sind so lieb und geben sich Mühe, ich kann ihnen nicht böse sein.

Wie geduldig musstest du beim Schreiben sein?

Schon sehr, weil wir drei Rutschen hatten, die sich über ein Jahr hingezogen haben.

Warum ist es für dich wichtig ein Album anstatt einzelner Spotify-Songs rauszuhauen?

Es hat einfach mehr Wert für mich. Spotify raffe ich nicht. Ich gucke mir die Zahlen an und ich verstehe nicht, wie man da richtig hohe Zahlen erreichen kann. Unsere höchsten zwei Songs liegen ungefähr bei 320.000, der Rest unter 30.000 – keine Ahnung, woher diese Unterschiede kommen. Aber ich bin kein riesiger Spotify-Gegner mehr. Vor einer Weile hat es mich gestört, dass sie die Künstler wahrscheinlich ziemlich abziehen. Aber inzwischen ist es mir egal. Denn vor allem hören die Leute wieder mehr Musik. Sie gehen auf Konzerte. Und hin und wieder werden dadurch auch mal ganze Alben gehört und gekauft.

Wenn ich sehe wie Musikmagazine wegbrechen, glaube ich nicht daran, dass Menschen sich gerade wieder mehr mit Musik beschäftigen.

Es haben so viele nicht unsere Platte besprochen oder lassen uns nicht auf ihren Festivals spielen, die sollen ruhig vor mir untergehen. Die Wichser. `Tschuldigung … Wer weiß, vielleicht sind wir nächstes Jahr auch am Arsch.

Dann kannst du immer noch Influencer werden.

Ich bin ja eine schizophrene Persönlichkeit, was das angeht. Auf der einen Seite denke ich, dass ich nicht alles für Social Media machen möchte, weil mich das ankotzt. Auf der anderen Seite habe ich das Gefühl, ich muss unbedingt was posten und hoffentlich liken das die Leute dann auch. Ich frage mich, wie das die anderen alle machen? Wie können die wirklich die ganze Zeit dort stattfinden? Am liebsten würde ich mich komplett raushalten und den anderen Bandmitgliedern Social Media überlassen.

Die neue Datenschutzverordnung nimmt Plattformen wie Instagram auch wirklich den letzten Spaß.

Ja, die ist so nervig. Wenn sich jemand schützen will, soll er lieber sein verdammtes Handy ausmachen. Ansonsten gibt doch eh jeder freiwillig extrem viel über sich selbst preis.

Ihr habt auf jeden Fall ein sehr datenschutzkonformes Cover ausgewählt. Die Augen sind nicht zu sehen, damit sind auch die Personen nicht genau identifizierbar.

Oh, das habe ich bisher gar nicht so gesehen! Eigentlich war das Cover nämlich eine Notlösung. Die Ideen, die ich erst gut fand, haben letztlich überhaupt nicht zur Platte gepasst. Also haben wir unseren Grafiker und Haus- und Hoffotografen gebeten, uns etwas auf die Schnelle zusammenzubasteln. Er kam dann auf den Streifen und das hatte sofort eine sehr krasse Wirkung auf uns alle. Rot und Schwarz fällt auch immer auf. Wir sind da sehr visuell rangegangen, aber die Datenschutzgeschichte finde ich auch gut. Manchmal brauchen Dinge so einen Kickstarter. Ich fange jetzt jedes Interview so an: „Kennen Sie Datenschutz?“

Bekommst du FOMO, wenn du siehst, was andere alles machen und auf Social Media präsentieren?

Nee, das habe ich gar nicht. Ich wundere mich wirklich nur, wenn ein Video von uns rauskommt und das nur 30 Likes hat oder noch unter 1.000 Klicks nach einer Woche ist.

Du bist ziemlich zahlengetrieben, oder?

Ich schaue nicht auf Zahlen, weil ich das so geil finde. Ich achte darauf, weil wir als Band daran gemessen werden. In den letzten fünf Jahren wurde mir eingebläut, das nur die YouTube-, Facebook- und Spotify-Zahlen zählen. Sagen wir mal, wir wollen zu einer anderen Plattenfirma, zu einer anderen Bookingagentur oder wir wollen für Konzerte gebucht werden, dann gehen die Leute auf unser Social Media und gucken sich die Zahlen an. Das beeinflusst das Venue, in dem wir spielen. Es beeinflusst einfach alles. Die gucken sich das nur für eine Minute an und können dann sagen, dass da nur 70 Leute zum Konzert kommen.

Ich sage ja: Du musst Influencer sein und beispielsweise Insta-Storys machen.

Was ist das denn für ein Druck? Was interessiert Leute, was wir im Proberaum machen? Ich hätte da zehn Storys machen können, würde mich aber abends schon wieder dafür schämen. Ich habe mir zum Beispiel mal alle Storys von Jennifer Rostock angeguckt und ich finde das menschenunwürdig, was sie da abzieht und das sich das Leute überhaupt angucken. Was interessiert irgendwen der Stuhlgang von ihr? Natürlich kann ich so was auch bringen – das wäre sogar noch lustiger. Aber erstens bin ich nicht so sexy und zweitens will ich gar nicht so ein Mensch werden.

Was für ein Mensch willst du denn sein und was für einer bist du?

Ich bin ganz zufrieden mit mir. Ich finde Humor sehr wichtig. Und wenn Humor, dann bitte mit Gehalt. Und nicht so ein Gewichtheberhumor. Und klar, ich will auch dafür bezahlt werden. Vielleicht poste ich dann auch alle drei Sekunden, was ich gerade alles in mich rein- und rausdrücke. Macht aber keiner … Ansonsten hoffe ich, dass ich so intelligent bin, wie ich mich fühle. Ich finde es ganz gut über den Dingen zu stehen.

Du kommt scheinbar gut so für dich klar. Bestätigung brauchst du gar keine?

Doch, die brauche ich. Ich will dafür anerkannt werden, was wir schaffen. Wir sind keine Schrottband, die gerade aus der Schule kommt. Wir sind alle gestandene Musiker und dafür will ich Respekt. Man kann mich verarschen, aber ich möchte trotzdem ernst genommen werden. Wir geben uns zum Beispiel viel Mühe mit unseren Musikvideos und da möchte ich, dass das genauso oft angeschaut wird wie ein doofes Revolverheld-Video. Ich meine, für manche mögen Revolverheld Sinn ergeben. Aber wir ergeben auch Sinn! Ich finde, das sollte gerechter verteilt sein. Eigentlich alles. Die ganze Welt!

Was machst du für eine gerechte Verteilung in der Welt?

Ey das ist meine 15. Platte, wem soll ich da noch was beweisen? Muss ich mir erst eine Kugel in den Kopf schießen, damit jemand sagt „Ach, das war doch ein Guter!“? Wenn ich so was höre, breche ich. Aber ich bin auch weit weg davon, so was zu machen. Aber das könnte man ja auch faken … (lacht)