Axolotl Overkill

Veröffentlichung  29. Juni 2017    Regie  Helene Hegemann    Darsteller  Jasna Fritzi Bauer  Arly Jover  Mavie Hörbiger  Laura Tonke
Foto: Constantin Film Verleih
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Foto: Constantin Film Verleih

So wird das mit dem Erwachsenwerden nichts

Hast du schon einmal vom Axolotl-Lurch gehört? Der verbringt sein ganzes Leben im Larvenstadium und altert einfach nicht. Autorin und Regisseurin Helene Hegemann spielt mit diesem Vergleich.

Mifti (Jasna Fritzi Bauer) ist 16, sieht aus wie 12 und verhält sich wie Mitte 30. Seit dem Tod ihrer Mutter lebt sie mit ihren älteren Geschwistern (Julius Feldmeier und Laura Tonke) in einer Berliner WG. Ihr Vater (Bernard Schütz) lebt inzwischen in einer neuen Beziehung. In diesem Durcheinander hält es Mifti nicht für nötig noch länger zur Schule zu gehen. Den Sinn in ihrem Leben sucht sie stattdessen zwischen hemmungslosen Partys, Drogen und Affären. Die Erwachsenen, auf die sie dabei trifft, sind ihr leider überhaupt keine Vorbilder. Statt vernünftig und achtsam gehen sie chaotisch und voller Selbstzweifel durch das Leben. Entweder weil sie glauben, dass das Ende der Welt bevorsteht – oder weil sie einfach nichts zum Anziehen im Kleiderschrank finden. Wenn sich Mifti immer nur an den anderen orientiert, wird das mit dem Erwachsenwerden nichts mehr.

Vom Buch zum Film: Eine Weiterentwicklung

Keine Frage, Mifti ist durch und durch Rebell. Wenn ihr etwas nicht passt, gibt sie sich gar nicht erst damit ab. Früh aufstehen und Schule fallen ganz klar in diese Kategorie. Mit ihrem losen Mundwerk eckt sie auch schnell mal an. Aber sind all das wirklich Anzeichen, dass sie sich nicht insgeheim doch weiterentwickeln möchte? Was, wenn sie das eigentlich ganz dringend will, ihr aber nur die richtigen Anreize fehlen? Oder niemand so richtig auf sie eingeht, um sie dabei zu unterstützen? Selbst vorgesprochene Motivationsversuche wie „Du kannst alles, du musst es nur wollen“ allein reichen da eben nicht. Helene Hegemann hat schon mit ihrer Romanvorlage bewiesen, wie kompliziert und überfordernd der Start ins Leben für junge Menschen sein kann. Mit der Verfilmung ist es ihr sogar gelungen das noch besser herauszuarbeiten. Während sich der Roman oft in endlos-langen Monologen verliert, ist dieses Element nur in Form eines erstklassigen Rants auf Berlin in der Auftaktszene zu erleben. Hegemann nimmt sich nun die Zeit ihre Hauptfigur noch ein Stück hilfloser erscheinen zu lassen, da sie es wirklich nur mit unfähigen Exemplaren aus der Erwachsenenwelt zu tun bekommt.

Das Leben ist voller Widersprüche

Jasna Fritzi Bauer spielt mit Mifti die Rolle ihres Lebens. Sie kann pampig, witzig und cool zugleich sein. Ihre Figur wirft sich mal voller Energie ins Getümmel und verfällt im nächsten Moment wieder in melancholische Tagträumereien. Diese ambivalenten Charakterzüge verfallen jedoch nie ins Klischee. Schuld daran ist das tolle Drehbuch von Helene Hegemann. Ihr geht es mit Axolotl Overkill darum aufzuzeigen, dass jede Person ihren eigenen Weg im Leben finden muss. Und dass es kein Allheilmittel für irrationales Verhalten gibt. Wer von der Gesellschaft nicht akzeptiert wird, hat es zwar ungleich schwerer den für sich richtigen Weg zu finden. Doch genau darin müssen wir eben alle ein bisschen besser werden. Wir stoßen immer wieder auf innere und äußere Widerstände und müssen uns gegenseitig helfen diese zu überwinden oder mit ihnen leben zu lernen. Von Erwachsenen dürfen und müssen wir sogar erwarten, dass sie uns in diesem Vorhaben unterstützen. Wir können schließlich nicht alles selbst machen.

Jeder sucht seinen Platz in der Welt. Axolotl Overkill erzählt vom Versagen der Erwachsenen die Hauptfigur Mifti dabei zu unterstützen. Wie der gleichnamige Lurch verharrt sie im Larvenstadium – weil der richtige Ansporn fehlt.

 

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Rubrik  Kino    Autor      Datum  29. Juni 2017    Worte  551
Permalink  http://www.farbensportlich.de/axolotl-overkill/    Farbe  #c3ba54
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