Attenberg

Veröffentlichung  23. November 2012    Regie  Athina Rachel Tsangari    Darsteller  Ariane Labed  Giorgos Lanthimos  Vangelis Mourikis
Foto: Rapid Eye Movies
 IMDb-Wertung
Foto: Rapid Eye Movies

Bella: Wie fühlt sich meine Zunge an?
Marina: Wie eine Nacktschnecke. Es ist ekelhaft.

Was das Zwischenmenschliche betrifft, kennt sich die 23-jährige Marina (Ariane Labed, Alpen) nicht ganz so aus. Alles, was sie weiß, kommt entweder von ihrer in diesen Dingen sehr geschäftigen Freundin Bella (Evangelia Randou, Kinetta) oder von den Tierdokumentationen des englischen Tierforschers Sir David Attenborough. So imitiert sie mit der Zeit nicht nur freudig Gorillas und andere exotische Gattungen des Tierreichs, sondern auch die Art des Küssens ihrer engen Freundin. Während Marina mit obskursten Zweitanz-Ritualen und ernst zu nehmenden sozialen Experimenten versucht sich dem Erwachsenwerden wie einer neuen Spezies Mensch vorsichtig zu nähern, geht ihrem Vater Spyros (Vangelis Mourikis, Agrypnia) langsam aber sicher die Lebenspuste aus.

Für Regie, Drehbuch sowie die Produktion zeigt sich die Griechin Athina Rachel Tsangari verantwortlich und konnte mit dem bereits 2010 fertiggestellten Attenberg so einige Preise einheimsen. Ariane Labed erhielt u.a. für ihre Performance die Auszeichnung als Beste Schauspielerin bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig 2010. Schuld an der guten Kritik ist der forsche Blick, den Tsangari an ihre Hauptakteurin übergeben hat. Mit naivster Neugier werden von ihr Menschen und ureigenste Unarten mit schrägem Augenaufschlag beschnuppert. Solche Szenen können zum Schmunzeln verführen, so wie das Eingangsbild, wo Bella ihrer Freundin versucht das Küssen mit Zunge beizubringen. Marina ist lediglich angewidert, weicht zurück, vergisst fast zu atmen und streckt dann doch wieder ihre lange Zunge Bella entgegen. Andere Momente tragen potentiell eher zum trägen Belächeln bei. Dies ist der Fall bei den kargen Dialogen zwischen Marina und ihrem neu gefundenen Bekannten, dem Ingenieur (Yorgos Lanthimos, Regisseur von z.B. Dogtooth). Denn die kalten Wortfetzen während der Erschaffung von gewollter Intimität stehen im Gegensatz zur Eingespieltheit von Marina und ihrem Vater. Die beiden zusammen sind das Herzstück des Coming-of-Age-Films – als das Mädchen für ihren Vater zu „Be Bop Kid“ von Suicide tanzt, ist der reserviert emotionale Höhepunkt erreicht. Aber viel war dazu auch leider nicht nötig. Denn auch wenn hier auf hohem Niveau inszeniert wurde, so ist in den 95 Minuten einfach zu wenig Inhalt hineingesteckt worden, der paralysieren könnte. Die stete Befremdlichkeit der Protagonistin langweilt als einziger Lebenstropfen des Films – denn der eine verkorkste Einfall ist hierbei mindestens einer zu wenig. Trotzdem gibt es Daumen hoch für dieses liebenswert ideenreiche Experiment, welches mit so viel Inbrunst einen sabbernden Kussversuch unter die Lupe nimmt.