Asia Argento

   Film  Missverstanden    Veröffentlichung  22. Januar 2015    Darsteller  Giulia Salerno  Charlotte Gainsbourg  Gabriel Garko
Foto: Hella Wittenberg
 IMDb-Wertung
Foto: Hella Wittenberg

Missverstanden ist der dritte Spielfilm, bei dem es die italienische Schauspielerin Asia Argento vorzog lieber Regie zu führen als sich nur vor der Kamera in Szene zu setzen. Im Zentrum des Dramas steht Giulia Salerno, alias Aria – ein junges Mädchen, dass sich auf der beständigen Suche nach Zuwendung befindet. Doch statt diese von den Eltern zu bekommen, bleiben ihr meist nur die Nacht und ihre Katze. Im Soho House in Berlin sitzt Asia Argento rauchend auf der Ecke eines geblümten Sofas, spricht gelassen über das Vergangene, die Möglichkeit autobiografischer Elemente im Film und über ihre Entscheidung zukünftig nicht mehr als Schauspielerin zu arbeiten.

Sie mussten in Ihrem Leben schon viele schmerzhafte Erfahrungen sammeln, die Sie nun auch in Missverstanden miteinfließen ließen. Ist dies eine Hilfe dabei mit der Vergangenheit besser umgehen zu können?

Asia Argento: Ob die Geschichte nun autobiografisch ist oder nicht – sie ist vergangen. Wir tragen alle doch Wunden mit uns. Manche wurden in einem so frühen Alter zugefügt, in dem das Bewusstsein noch geformt wird. Es sind dadurch Muster im Kopf entstanden und bestimmte Dinge sind von da an nur noch mit diesen Ereignissen verbunden. Damit ist es schwer zu leben. Man sagt ja, wenn man eine Menge Dunkelheit erlebt hat, kann man ins Licht gehen. Denn dann ist man sich der Dunkelheit und der Wunden bewusst, so dass man heilt. Ich kann aber nicht sagen, dass mich die schmerzhaften Erfahrungen zu einer besseren Künstlerin gemacht haben. Dazu wird man geboren. Es ist ein Geschenk, das lediglich durch Lernen, Leben und Demut geschärft werden kann. Aber die Wunden haben eine Veränderung bei mir bewirkt. Wobei der Film keine Therapie für mich darstellt. Vor allem wollte ich eine universelle Geschichte über ein Kind erzählen. Wir alle haben doch in der Kindheit ein Gefühl von Ungerechtigkeit kennengelernt. Einen Moment, in dem die Unschuld zerbricht, genauso wie Hoffnungen.

Die Kinder, die im Film mitspielen, verbrachten einige Zeit in Ihrem Haus. Dabei schrieb Giulia Salerno „Ich bin anders“ an eine Wand. Haben Sie mit Ihr darüber gesprochen?

Nein, weil ich weiß, dass sie anders ist. Deshalb habe ich sie auch ausgewählt. Ich fühlte mich als Kind genauso. Aber ich bin keine Psychologin und will nicht an ihren Wunden, die sie sicherlich hat, herumfuschen. Ich wollte für sie jemand sein, auf den sie zählen kann. Manchmal benahm sie sich daneben, aber ich wusste, dass das von ihrer Zerbrechlichkeit kommt. Sie brauchte mehr Aufmerksamkeit als die anderen. Also machte ich einmal mehr eine Pause und fragte sie, ob wir zusammen ein Eis essen. Weil ich das kenne. Wenn ich nicht genug Aufmerksamkeit bekam, suchte ich sie mir auf eine negative Weise. Die Wochenenden mit den Kindern waren auf jeden Fall eine der besten Zeiten, die ich je erlebt habe. Wir bemalten Wände, tanzten, fluchten, machten Telefonstreiche und Musik. Auf diese Weise konnte ich mir das Vertrauen der Kinder erarbeiten. Diese Technik möchte ich in Zukunft noch öfter anwenden, auch wenn ich mit Erwachsenen zusammenarbeite. Es tut einem Film so gut, wenn man vor dem Dreh eine Bindung schafft. Viele von den Kindern haben vorher noch nie geschauspielert. Sie sollten sich bei mir ganz frei fühlen und nicht den Eindruck von mir als Boss bekommen, der sagt, dass man jetzt zusammen das Skript durcharbeitet. Sie sollten es lieber vergessen. Ich schrieb eh jeden Tag am Set für jeden den Text noch einmal um. Ich mag die Momente des Imperfekten, weil sie der Wahrheit so nahe kommen. Danach strebe ich.

Hegen Sie den Wunsch sich weiterhin auf das Filmemachen zu spezialisieren und weniger vor der Kamera zu agieren?

Ja, vollkommen. Ich will nicht mehr schauspielern. Das ist vorbei. Bei meinem letzten Film war es einfach nur schrecklich. Ich trage immer noch eine große Scham deshalb mit mir herum. Und die Erschöpfung… Ich konnte mich nicht mehr konzentrieren. Ich habe diese absolute Qual nur noch mitgemacht, um die Miete und die Schule meiner Kinder bezahlen zu können. Jetzt würde ich eher in einem Restaurant arbeiten als wieder in einem Film mitzuspielen.

Sie bringen Kindern das Schauspielern bei. Was geben Sie ihnen mit auf den Weg?

Ich arbeite nur mit Kindern, die bereits Schauspieler sind und bereite sie auf ihre Rollen vor. Ich bringe ihnen Konzentrations- und Entspannungsübungen bei. Gerade bei Kindern ist es wichtig, dass sie nicht zu viel über eine Szene nachdenken und ab einem bestimmten Punkt alles um sich herum vergessen können – sonst wirkt es nur wie ein Fake. Ich versuche ihnen zu helfen eine Wirklichkeit im Film zu finden. Das ist eine Leidenschaft von mir.

Wieso haben Sie sich für eine derartige Farbenfroheit im Film entschieden?

Meine Kindheit war eben viel farbenfroher als es heutzutage der Fall wäre. Jetzt ist alles nur noch grau und schwarz – so wie auch meine Kleidung. Meine Inspiration waren die Polaroids, die ich noch aus den 80ern hatte. Das Pink und das Rot stachen dabei am meisten hervor. Der Film sollte wie diese alten Fotos aussehen. Deshalb wollte ich auch analog aufnehmen.

Charlotte Gainsbourg spielt in Missverstanden die Mutter, Yvonne Casella. Wieso fiel die Wahl auf sie?

Als ich den Film schrieb, musste ich an sie denken. Irgendwie habe ich sie schon immer wie eine Schwester von mir gesehen. Vielleicht war sie das auch in einem anderen Leben. Erst kürzlich schickte mir jemand ein Interview zu, das ich ungefähr im Jahr 2000 gegeben habe. Daran konnte ich mich gar nicht mehr erinnern… Da wurde ich gefragt wer in Zukunft eine Rolle verkörpern würde, wenn diese nicht mehr von mir gespielt werden würde und ich nannte Charlotte Gainsbourg. Das ist schon ziemlich bizarr.

Der letzte Satz im Film überrascht. Wie sind Sie darauf gekommen?

Er ist aus meinem Buch I Love You Kirk, das ich 1999 geschrieben habe. Der Satz schockt, weil er so unerwartet kommt. Für mich passt er perfekt, weil er die Gemütslage eines Kindes wiedergibt, das missbraucht wurde und überlebt hat. Es gibt ja mehrere Enden im Film. Es könnte alles ein Traum gewesen sein oder sie könnte auch tot sein – man weiß es nicht. Wenn dann aber der Abspann kommt und die Polaroids durchlaufen, lesen nur die Menschen, die sitzen bleiben und sich wirklich interessieren, den Satz „Ich bin kein Opfer.“ Aber wenn du nach Hause gehst, sei nett zu deinem Kind. Das ist die Message des Films. Denn neben all dem Ego eines Erwachsenen, dem Job, und dem eigenen Leben ist das Wichtigste immer noch das Kind. Es ist die Zukunft. Ich sehe zu viele Familien, in denen dem Kind ein iPad in die Hand gedrückt wird, nur damit sie sich nicht mit ihm auseinandersetzen müssen. Dabei ist das, was sie zu sagen haben, die Wahrheit.

Familie ist Ihrer Auffassung nach keine Demokratie. Aber was ist es dann?

Naja, die Familie, in der ich aufgewachsen bin, ist definitiv keine Demokratie gewesen. Es kam eher einem totalitären Zustand voller Angst gleich, wo ich kein Recht hatte irgendetwas zu sagen. Ich konnte nie gewinnen. Seit einigen Jahren ziehe ich nun meine Kinder alleine groß. Und ich will, dass es bei mir anders läuft. Ich bin dafür da, um meine Kinder zu leiten während sie wachsen. Sie sollen sich selbst finden und ihre Entscheidungen von sich aus treffen können. Ich zeige ihnen was Gut und Schlecht ist, aber ich bin nicht rund um die Uhr da und schotte sie von allem ab. Sie müssen auch lernen, was Schmerz bedeutet. Aber gleichzeitig möchte ich nicht diejenige sein, die den Schmerz anrichtet. Wenn ich Fehler mache, dann entschuldige ich mich auch. In diesem Sinne ist es jetzt eine Demokratie. Wenn meine Tochter morgens aufwacht und schlecht gelaunt ist, versuche ich mich in die Lage zu versetzen wie es war 13 zu sein. Mit all den Hormonen und Problemen in der Schule, man fühlt sich hässlich, der Körper verändert sich… Ich versuche mich einzufühlen, auch wenn ich keine Heilige bin. Ich bin aber jemand, der sich wirklich ändern möchte. Was ich erlebt habe, möchte ich nicht wiederholen. Ich will der Knackpunkt sein, an dem sich in der Ahnenkette etwas ändert.

 

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Rubrik  Interview  Kino    Autor      Datum  19. Januar 2015    Worte  1,320
Permalink  http://www.farbensportlich.de/asia-argento/    Farbe  #dd7475
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