Alles was kommt

Veröffentlichung  10. März 2017    Regie  Mia Hansen-Løve    Darsteller  Isabelle Huppert  André Marcon  Roman Kolinka  
Foto: Weltkino Filmverleih
 IMDb-Wertung
Foto: Weltkino Filmverleih

So sieht das Leben für Ü40-Frauen aus

Ein Film, der das Leben in all seinen hässlichen Facetten zeigt. Die Message: Wer den 40. Geburtstag feiert, kann sich auf ein Ende mit Schrecken vorbereiten. Isabelle Huppert trägt es mit Fassung.

Liebe hält nicht ewig: Genau diese Erfahrung muss Nathalie (Isabelle Huppert) machen. Nach 25 Ehejahren will ihr Mann (André Marcon) die Trennung. Er liebt nun eine andere. Ich und du für immer – das gilt nicht mehr. Den großen Einschnitt in ihren Alltag nimmt die Philosophielehrerin und Intellektuelle verblüffend gefasst auf. Kein Geschrei, kein Handgemenge. Nur der opulente Entschuldigungsblumenstrauß ihres Quasi-Ex-Manns muss dran glauben. Nathalie rastet nun mal nicht so schnell aus. Sie weiß, wie sie Haltung bewahrt und nach außen Ruhe ausstrahlt. Das hat sie bereits für ihre Mutter (Edith Scob) verinnerlicht, die sie aufgrund von Panikattacken und Verwirrtheiten zu jeder Tag- und Nachtzeit anruft. Für sie krempelt Nathalie ihren gesamten Tagesablauf um. Doch kaum löst sich der Mann, lösen sich auch jede Menge weitere, sicher geglaubte Bestandteile in Nathalies Leben auf. Und ein Neuanfang ist gar nicht mal so einfach.

Es muss weitergehen

Alles was kommt ist ein ruhiger Film. Die Schicksalsschläge stürzen nicht mit Knall, Boom, Baam auf die Protagonistin ein. Auf die vielen Niederschläge folgt kein totaler Zusammenbruch. Isabelle Huppert ist genau die richtige Schauspielerin dafür: Sie wirkt auf den ersten Blick sanft und zerbrechlich. Aber sobald sie spricht, drückt ihr gesamter Körper eine unbeschreibliche Stärke aus. Die Rekonstruktion von Nathalies Leben ist eine subtile Angelegenheit. Erst freundet sie sich mit der kratzbürstigen Katze ihrer Mutter an. Dann besucht sie ihren früheren Lieblingsschüler Fabien (Roman Kolinka) in seiner Bauernhof-Kommune. So richtig scheint diese gestandene Frau nicht in die junge Wohngemeinschaft zu passen, genauso wenig wie ihr der Stempel der Einsamen steht. Dies liegt vor allem daran, dass Nathalie eine Person ist, die das Suchen längst abgeschlossen hat. Sie weiß, mit welchen Menschen sie im Dialog stehen möchte und sie kennt ihren Platz in der Welt ganz genau.

Die Zukunft ist ungewiss

Regisseurin und Drehbuchautorin Mia Hansen-Løve (Eden, Eine Jugendliebe) hält nichts von platten Eindeutigkeiten und allzu leicht greifbaren Metaphern. Die Französin will herausfordern. Alles was kommt kann man sich nicht passiv anschauen. Man wird regelrecht zu einer subjektiven Einordnung gezwungen. Das liegt auch daran, dass Hansen-Løve ihrer Protagonistin provokativ die Worte in den Mund legt, man könne Ü40-Frauen getrost in die Tonne werfen. Schließlich würde da nichts mehr kommen. Die Männer würden sich eh jüngere Frauen suchen. Und das wäre es dann. Eine radikale Einstellung. Aber genau das hat dem Kino gefehlt. Eine Meinung. Und ein Film, der berührt, ohne die Gefühle allzu klar vorzugeben, die man in diesem Moment haben sollte. Die Gespräche über Rousseau, der Musikeinsatz von Schubert und die extremen Cuts sind wirklich anstrengend gut.

Alles was kommt ist ein Drama ohne Drama. Das Leben, das Protagonistin Nathalie bisher kannte, bricht zusammen und dennoch bleibt sie aufrecht stehen. Sie ist eine wunderbare Ikone, die keine der neuen Herausforderungen scheut. Vor sich sieht sie nur wenig Hoffnungsvolles, aber ihr Intellekt hält sie auf den Beinen. Die Bilder, die sich die französische Filmemacherin Mia Hansen-Løve ausgedacht hat, sind unglaublich warm. Die Geschichte erweist sich dagegen als unglaublich hart. Und trotzdem herrscht zwischen beiden Extremen eine einzigartige Balance.

 

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Rubrik  Heimkino    Autor      Datum  02. März 2017    Worte  537
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