About Group

Album  Start And Complete    Veröffentlichung  15. April 2011
Foto: Hella Wittenberg Foto: Hella Wittenberg

Zur Begrüßung verschenken Alexis Taylor (Hot Chip) und John Coxon (Spiritualized, Spring Heel Jack) erst einmal das Debüt-Album ihres Projekts, was zu der Zeit noch „About” hieß. Denn, wie sie während des Gesprächs mitteilen, genießen sie Interviews in Berlin besonders. Eine freudige Einstimmung auf die folgende halbe Stunde, in der es um den Zweitling von About Group Start And Complete (Veröffentlichung im April auf Domino Records), das besondere Gefühl in der Band und das Reflektieren bisherigen Schaffens gehen soll.

Wenn ihr schon mal in der Stadt seid, unternehmt ihr auch etwas außerhalb der Interviewzeit?

Alexis: Wir kamen schon gestern in Berlin an und sind dann noch mit Freunden unterwegs gewesen. Unter anderem waren wir in einem Schwulenclub.

John: Ja, das war ziemlich komisch. Wir haben ganz still unsere Getränke zu uns genommen und auf den Bildschirmen liefen Schwulenpornos. Aber wir hatten trotzdem unseren Spaß, es gab nämlich zwei Getränke für den Preis von einem!

Wie entscheidet ihr, dass es Zeit für ein About Group Album ist?

John: Wir mussten danach gehen, an welchem Tag sich alle frei machen konnten, um das Album aufzunehmen. Auf diese Chance haben wir eifrig hingearbeitet.

Alexis: Wir haben an manchen Songs schon eine Zeit lang gearbeitet und waren nun ganz aufgeregt, weil wir das Material endlich in voller Länge aufnehmen wollten.

John: Alexis hatte sich vorgenommen die Songs sehr schnell aufzunehmen, ohne polieren und konstruieren. Da gab es keinen großen Plan als wir in die Abbey Road Studios gingen. Wir wussten ja auch nicht, wo wir es veröffentlichen könnten.

Alexis: Ich wollte aber unbedingt mal Musik auf Domino herausbringen. Ich liebe das Label und mag auch die Leute, die dort arbeiten, sehr. Als wir „Start And Complete” fertig hatten, dachte ich nur, dass ich das Album zu keinem anderen Label außer zu Domino bringen möchte. Ich fühlte mich als würde ich Laurence Bell [Gründer von Domino Records] von Domino ein Album schulden Wir haben schon jahrelang darüber gesprochen etwas gemeinsam zu machen.

Was macht About Group so einzigartig?

John: Der Altersunterschied der Bandmitglieder ist einzigartig! (lacht) Außerdem die Kombination aus Leuten, die für freies Spielen bekannt sind und den leichten Popsongs wie die von Alexis. Aber irgendwie ist doch jede Band einzigartig, oder? Ich denke jedenfalls, dass wir eine interessante Gruppe sind, weil wir so bunt zusammengewürfelt sind. Jeder in der Band hat seine eigene Geschichte und weiß genau wer er ist. About Group sind also vier starke Musiker, die das hier lieben und es funktioniert einfach wunderbar! Sicherlich wird die Musik nicht allen Menschen gefallen. So werden Leute, die zum Beispiel gern Hot Chip hören ein Album erwarten, das diesen Erwartungen nicht gerecht werden kann. Man muss also mit dem Fakt leben, dass man nicht allen Erwartungen gerecht werden kann und auch nicht muss.

Gibt euch About Group das gleiche Gefühl, welches ihr auch bei euren anderen Bands bekommt oder sind das zwei absolut verschiedene Paar Schuhe?

Alexis: Ich habe nicht das gleiche Gefühl wie mit Hot Chip. Es ist sehr befreiend für mich Musik zu machen, die sich nicht dafür schämt einen ruhigen, kleinen Song nach dem anderen zu spielen. Wir müssen uns nicht für eine eingängigere Songstruktur verbiegen, wir glauben an das Improvisieren und genießen das komplett freie Musizieren. Das wir dafür keinen Computer benutzen, macht es umso origineller für mich. All diese Dinge sind eine ganze neue Erfahrung nach all der Zeit mit Hot Chip. Obwohl wir mit Hot Chip oft darüber sprechen solche Musik zu machen, haben wir uns schlussendlich noch nicht dazu durchgerungen. Aber manchmal haben wir auch bei Hot Chip lieber Livedrums als Computer. Da sind also auch Gemeinsamkeiten, aber eben auch viele Unterschiede. Ich liebe es mit About Group zu spielen, in mancher Hinsicht fühlt es sich persönlicher an.

John: Es ist auch angenehm nicht um die Häuser ziehen zu müssen, um nach Leuten zu suchen, die den gleichen Musikgeschmack haben wie man selbst. Das ist nicht wichtig. Wir sprachen nicht jahrelang über das gemeinsame Musik machen, sondern haben es einfach durchgezogen und das funktioniert sehr gut.

Alexis: Ich habe auch das Gefühl, dass Dinge in dieser Band viel natürlicher geschehen als mit Hot Chip. Da ging es eher darum wie man Befremdliches mit etwas zusammenbringt, das eigentlich nicht zusammen passt. Bei Hot Chip sind wir eben fünf starke Meinungen, die gegenseitig aneinander zerren. Wenn man Hot Chip live in einem Raum aufnehmen würde, würde wir nicht sagen, dass das brillant so ist wie es ist. Jedenfalls habe ich mich schon seit dem Ende der letzten Aufnahme mit Hot Chip darauf gefreut etwas Anderes zu machen, weil Aufnahmen mit Hot Chip ein harter Prozess sind und es eher konstruiert und schmerzbereitend abläuft.

John: Also für mich ist das Gefühl mit About Group auch irgendwie anders. In meiner Band Spiritualized spielen wir viele Songs teils auch schon seit 16 oder 17 Jahren. Wir kennen uns auch sehr gut. Jason Pierce und ich kennen uns in- und auswendig. Ich habe von keinem mehr über das freie Gitarre spielen gelernt als von ihm. Er ist ein brillanter Gitarrist, aber auch so ein guter Songwriter, dass die Leute oft sein Gitarrenspiel vergessen. Ich mag Jason sehr, aber ich mag es auch zu sehr mit About Group zu improvisieren. Ich liebe die Songs einfach! Ich habe das schon hundert Mal gesagt, aber es ist wahr. Es sind wirklich sehr gute Songs.

Alexis: Ich vermute, dass es sich für dich, John, mehr so anfühlen muss als wäre es deine Band, mehr als mit Spiritualized.

John: Ich weiß nicht, ob es das wirklich ist. Aber ich mag es mit diesen drei Leuten Musik zu machen. Spiritualized ist Jason Pierce und wir spielen seine Songs. Hier spielen wir zwar die Songs von Alexis, aber trotzdem ist es viel demokratischer.

Ist es die Regel von About Group sich mehr zurückzulehnen und nicht immer die Kontrolle haben zu müssen?

John: Aufgrund unseres musikalischen Hintergrunds und den Charakteren in der Band haben wir schon ein wenig Angst vor Kontrolle. Nichtsdestotrotz steckt auf dem Album auch eine gewisse Kontrolle – manche Songs kontrollieren den Sound des Albums. Aber in jedem Fall benötigt es solch starke Persönlichkeiten, die die Songs zu schätzen wissen, um sich selbst auch zurücklehnen zu können. Es gibt nichts Schlimmeres als Songs zu spielen, die man nicht mag. Ich habe das auch noch nie gemacht, weil ich das einfach nicht für mich funktioniert. Ich kann doch nicht auf einer Platte spielen, die so richtig schlecht ist! (lacht)

Alexis: (lacht) Ja, genau! Ich kann das auch nicht. Wie soll man sich dann diese Musik selbst anhören? Das ist einfach nur qualvoll! Wenn man gefragt wird, ob man auf dem Album eines Freundes spielt und man es nicht wirklich mag, kann das eine sehr schwierige Situation sein. Man möchte ja auch hilfsbereit sein. Und dann fragt man sich die ganze Zeit wie man das jetzt am besten sagt.

John: Ich hatte das auch schon ein paar Mal. Das kann schon komisch sein.

Alexis: Im letzten Jahr wollte jemand von mir, dass ich ein Mitglied seiner Band werde und ich fand es schlichtweg zu langweilig. (lacht) Wirklich! Ich liebe die Person, ich liebe seine Ideen. Aber die Musik…

Braucht ihr eine persönliche Geschichte, um einen guten Song zu schreiben?

Alexis: Ich würde mir selbst diese Frage nicht stellen, um Musik zu schreiben. Aber wenn ich mir so meine Songs anschaue, sind es keine erfundenen Geschichten. Es sind keine Geschichten à la Springsteen. Vielmehr stellen meine Songs Gefühle dar, die ich in Musik umgesetzt habe. Ich denke nicht, dass sie sich auf eine einzelne Geschichte stützen. Aber sie verweisen schon auf Dinge, die wirklich geschehen sind. Meine Songs erzählen davon wie ich einer Sache oder jemanden gegenüber stehe. Oder sie handeln von meiner Position in der Welt oder in einer Beziehung. Die Songs gehen tief, bis zum Unterbewussten. Das ist für mich das, was die Songs ausmacht. Wir stellen diese Gefühle für den Song wieder her. Aber die Frage ist, wie man etwas reparieren kann, was eine Beziehung zerbrechen lassen hat?

John: Naja, jedenfalls hat Elvis seine Songs nicht selbst geschrieben.

Alexis: Aber eine Person hat es für ihn gemacht. Ein Beispiel das ich geben würde, ist Brian Eno. Ich weiß John, du magst ihn nicht sehr. Aber ich mag seine Songs sehr, obwohl sie keine Geschichten erzählen. Sie machen keinen logischen Sinn und trotzdem sind es kraftvolle Stücke der Popmusik.

John: Ich finde seine Songs sind ohne Herz. Ich kann mir seine Musik nicht anhören, aber ich liebe dagegen Roxy Music und ich liebe Brian Eno in Roxy Music.

Alexis: Wenn ich mir Roxy Music und Brian Eno anschaue, finde ich nicht, dass sie so unterschiedlich sind in Hinblick auf das, was sie versuchen zu machen. Ich bevorzuge nur die Songs in der Brian Eno Periode. Ich habe zuerst Brian Eno und dann erst Roxy Music gehört. Wenn es andersherum läuft, kann ich mir vorstellen, dass man seine Musik nervig finden kann. Naja, jedenfalls benötigt man für einen guten Song schon eine bestimmte Erzählperspektive.

John: Selbst wenn sich Paul McCartney Geschichten ausdenkt, sind sie doch zutiefst persönlich. Auch bei Spiritualized sind die Texte sehr persönlich, obwohl Jason nicht sagt, dass die Songs von ihm handeln, weil das zu entblößend für ihn wäre. Er schreibt eben Songs, die brutal ehrlich sind. Das ist so als würde man sich in der Öffentlichkeit ausziehen. Irgendwie möchte man das nicht tun, aber für das Musik machen muss man das tun.

Alexis: Ich möchte meine Kleidung nicht in der Öffentlichkeit ausziehen. Aber ich möchte Musik machen, die ehrlich ist und meine innersten Emotionen zeigt. Das möchte ich erfüllen und das ist auch das, was ich an Songs von anderen Musikern schätze.

Habt ihr euch durch About Group persönlich weiterentwickelt?

Alexis: Ich stelle fest, dass ich Interviews mehr mag. Die anderen in About Group scheinen es zu genießen über die Dinge, die sie musikalisch repräsentieren zu reden. Sie sehen es mehr als Möglichkeit und nicht als Problem. Bei Hot Chip ist das so, dass alle Fünf vor einem Interview den Raum verlassen wollen. Aber mit About Group fühle ich mich wohler in einer Interviewsituation. Wahrscheinlich habe ich gemerkt wieso ich das tue. Ich genieße besonders die Interviews in Berlin und das sage ich nicht nur, weil wir gerade hier sind. Das Niveau der Fragen ist höher und so ist ein Interview in Berlin viel interessanter als an anderen Orten. Die Leute beschäftigen sich mehr mit der Platte, die man gemacht hat. Das mag ich sehr.

Denkt ihr denn, dass eure Musik eine zeitlose Relevanz hat?

Alexis: Ich mag die Idee, dass Leute dieses Alben auch noch nach Jahren genießen können. Ich hoffe, dass die Leute das gleiche, süchtig machende Gefühl bekommen es immer und immer wieder hören zu müssen so wie ich es bei guten Platten bekomme.

John: Nach einer bestimmten Zeit bekommt man auch eine ganz neue Perspektive auf die eigene Musik. In zehn Jahren erinnert man sich gern an diese Zeit zurück.

 

 

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Rubrik  Interview    Autor      Datum  20. Mai 2011    Worte  1,783
Permalink  http://www.farbensportlich.de/about-group/    Farbe  #6e4323
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