Abdellatif Kechiche

   Film  Blau ist eine warme Farbe    Veröffentlichung  19. Dezember 2013    Darsteller  Adèle Exarchopoulos  Léa Seydoux
Foto: Hella Wittenberg
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Foto: Hella Wittenberg

Für Abdellatif Kechiche (Couscous mit Fisch) geht langsam eine Reise zu Ende. Mit seinem Werk Blau ist eine warme Farbe bereiste er Land für Land und begann die Diskussionen rund um die Geschichte einer ersten Liebe und dem Erwachsenwerden schätzen zu lernen. Den Ausgangspunkt für das stetig wachsende Interesse stellte die Verleihung der Goldenen Palme in Cannes dar, welche zum ersten Mal nicht nur an den Regisseur, sondern auch an die beiden Hauptdarstellerinnen, Adèle Exarchopoulos (Boxes) und Léa Seydoux (Midnight in Paris), ging. Der Mut, die Leichtig- sowie Sinnlichkeit, mit der sie ihre Beziehung darboten, überzeugte die Jury genauso wie die Sensibilität, mit welcher der Regisseur ans Werk ging. Im Interview sprach Abdellatif Kechiche über die an ihm und seinem Film geübte Kritik, über das filmische Interesse am Sex und auch über seine Zukunftspläne sowie ein mögliches 3. und 4. Kapitel.

Blau ist eine warme Farbe sorgte bei Kritikern für gespaltene Meinungen. Nachdem Berlin nun der vorerst letzte Stopp ihrer Promo-Tour ist – hatten sie mittlerweile die Möglichkeit all das Gesagte zu rekapitulieren?

Abdellatif Kechiche: Alles, was nach Cannes passierte, war surrealistisch. Am Anfang hat mich die Kritik sehr getroffen und ich stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Aber so langsam habe ich für mich auch eine Erklärung dafür gefunden. Zu der feministischen Kritik kann ich nur fragen: was ist ein männlicher Blick auf Frauen? Was ist ein weiblicher Blick auf Frauen? Das möchte ich gern definiert haben. Ich halte es für hohle Kritik, wenn man mir das nur so pauschal vorwirft. Es ist sogar eine gefährliche Kritik, weil sie Menschen kategorisiert. Und wenn Menschen in Schubladen gesteckt werden, sehe ich darin die Wurzel für Rassismus und Homophobie. Ich halte es für gefährlich, wenn man behauptet, dass es nur, je nach sexueller Präferenz, erlaubt ist ein Blick auf Männer oder Frauen zu werfen. Wichtiger erscheint mir, mit welcher Sensibilität man auf Menschen schaut. Durch Kategorisierungen sperrt man sich letztlich nur selbst ein. Bei der Kritik, die meine Person betrifft, gibt es zwei Möglichkeiten: entweder sie ist berechtigt und ich bin ein Tyrann, ein Perverser, ich bin jemand der Menschen manipuliert. Wenn das so ist, dann sollte das Gesetz eingreifen und mich bestrafen. Schließlich würde es sich dann um eine Straftat handeln. Die zweite Möglichkeit ist, dass das alles nicht wahr und orchestriert worden ist. Diesbezüglich mache ich der französischen Presse den Vorwurf, dass sie nicht richtig recherchiert hat. Ich bin auch verteidigt worden. Nur ist man dabei davon ausgegangen, ich sei dieser Tyrann und Perverser. Man entschuldigte mich, in dem man sagte, ich wäre ein Schöpfer. Aber diese Verteidigung bringt mir gar nichts.

Inwiefern hat sie die Kritik an dem Film verändert?

Heute wäre es mein Wunsch mit dem Filmen aufzuhören. Vielleicht entwickelt sich wieder eine neue Lust, wenn ich mich von den vielen Emotionen bereinigen konnte, die es um den Film herum gab. Aber im Moment befinde ich mich in einem Zustand einer gewissen Müdigkeit, was mein Verhältnis zum Kino betrifft.

Ein 3. und 4. Kapitel über das Leben von Adèle wird es nicht geben?

Wenn es mir das Leben weiter ermöglicht, dass ich Kino machen darf, dann könnte ich mir doch schon vorstellen diese Figur etwa alle 5 Jahre wieder aufzugreifen.

Wie entscheidet sich, ob aus einer Idee ein ganzer Film wird?

Mit Ideen ist es schon sehr komisch. Sie sind nicht etwas, nach dem man wirklich sucht. Aber wenn man denn eine Idee hat, wird plötzlich alles zu einem Filmsujet. Alle Assoziationen, die man hat, sieht man nur noch durch einen gewissen Rahmen. Das ist wie eine Verfremdung, es kann zu einer Deformation führen.

Wird mit Neuveröffentlichungen wie Jung & schön, Nymphomaniac oder auch ihrem Film ein Bedürfnis an einer neuen Auseinandersetzung mit dem Thema Sex offengelegt?

Künstler haben sich schon immer für Sex interessiert und damit auseinandergesetzt. In der Malerei, in der Literatur, im Film… Und immer hat es schockiert. In meinem Film wird im Hintergrund Tagebuch einer Verlorenen von Georg Wilhelm Pabst erwähnt – ein Film, der stark zensiert worden ist. Darin wird suggeriert, dass es eine lesbische Figur geben könnte, was aber im Film nie so gesagt oder von der Zensur benannt wurde. Trotzdem ist das Werk verboten worden und man redete darüber. Dabei finde ich es ganz natürlich, dass man sich als Künstler mit Sex beschäftigt, weil davon eine gewisse Energie ausgeht, die in jedem von uns wohnt. Ich verstehe nur nicht, warum man davon noch immer so geschockt ist und man erklären muss, welche Motivation dahintersteckt, wenn man einen Körper oder eine Sexszene filmt.

 

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Rubrik  Interview  Kino    Autor      Datum  15. Dezember 2013    Worte  741
Permalink  http://www.farbensportlich.de/abdellatif-kechiche/    Farbe  #da6254
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